Angelika Unterlauf, Sprecherin der DDR-Nachrichten, arbeitet heute fürs Frühstücksfernsehen: Zwischen zwei Welten

Es ist ein guter Tag zum Drehen. Heiter und kühl. Ein paar Wolken tanzen über den blauen Himmel. Die Müritz, Deutschlands größter Binnensee, schläft in der Septembersonne. "Bisschen Wind wäre nicht schlecht", sagt der Kameramann. Angelika Unterlauf nickt. Bis auf den Wind ist alles vorbereitet. Sie hat das Kamerateam gebucht, den Segellehrer besorgt und eine Schulklasse organisiert, die jetzt, mit Schwimmwesten bekleidet, vor ihr steht. Heute wird gedreht. Morgen geschnitten. Übermorgen läuft der Beitrag im Sat1-Frühstücksfernsehen. Thema: Kuttersegeln. "Wer von euch war schon mal beim Kuttersegeln?", fragt Angelika Unterlauf in die Runde der 14-Jährigen. Schweigen. Die Kinder haben keine Angst vor Angelika Unterlauf. Nur vor der Kamera, die neben ihr lauert. Angelika Unterlauf ist ihnen kein Begriff. Nicht der Name. Nicht das Gesicht. Als sie berühmt war, waren sie gerade vier Jahre alt. Angelika Unterlauf ist für sie die nette Sat 1-Reporterin, die Späße macht und laut lacht. Mehr nicht. Und mehr will Angelika Unterlauf auch nicht sein. "Im Herbst kommen dann immer die Zeitungen und das Fernsehen und ziehen mich aus der Kiste. Dabei ist das doch alles schon so lange her", sagt sie.Stillgehalten und funktioniertAm 2. Juli 1990 spricht Angelika Unterlauf zum letzten Mal die Nachrichten in der "Aktuellen Kamera", der Hauptnachrichtensendung der DDR. Am 3. Juli nimmt die Leitung des Deutschen Fernsehfunks (DFF) sie vom Sender, am 19. Juli titelt die "Junge Welt": "AK ohne A." Sie ist die Erste, der gekündigt wird. Als Begründung heißt es, es würde Morddrohungen geben. Keiner könnte für ihre Sicherheit garantieren. Eine Zeit lang kommt sie in der Ratgeber-Redaktion unter. "Zu tun bekam ich nichts, obwohl ich es immer wieder anbot. Als ich dann ein Jahr später tatsächlich entlassen wurde, war das keine Katastrophe mehr." Es beginnt die Zeit, in der sie durch die Medien zieht. NDR-Talkshow, Talk im Turm, Spiegel TV, jede Menge Presseberichte. Sie will sich erklären und sie soll sich erklären. Warum sie das Fernsehgesicht war, das jeden Tag in die Wohnzimmer der DDR guckte und Nachrichten las, die weniger der Information dienten als der Manipulation. Warum sie nicht rebellierte, warum sie einfach stillhielt und funktionierte. Alle stellten ihr jetzt die Fragen. Erwarteten Erklärungen. Dabei war sie genauso verwirrt wie alle anderen zu dieser Zeit. "Die Aktuelle Kamera stabilisierte die DDR. Daran mitgewirkt zu haben ist die Schuld, an der ich trage. Aber andere haben auch Schuld. Die Redakteure im Sender, die Fernsehchefs. Und nur dadurch, dass ich im Fernsehen zu sehen war und die nicht, haben sie nicht weniger Schuld", sagt Angelika Unterlauf. Sie klingt müde, wenn sie dass sagt. Sie hat es schon oft gesagt. Ihre Hände bearbeiten einen Kunststoffbecher. Die Augen starren auf die Hände. Dann schaut sie hoch. "Ist doch so, oder?"Die Müritz glitzert träge in der Sonne. Im Kutter sitzen die Kinder und üben Seemannsknoten. "Ich hab mir das hier schon etwas bewegter vorgestellt", sagt Angelika Unterlauf. Sie macht den Beitrag für die Rubrik "Fit&Well". Sie hat schon alles gemacht: Bungeespringen, Beachvolleyball, die finnische Erdsauna auf Rügen, Katamaransegeln. Jetzt Kuttersegeln. Die Themen für "Fit&Well" gehen langsam aus. Leider sieht der Kutter auch gar nicht aus wie ein Kutter, eher wie ein Segelboot. Was ist das Besondere am Kuttersegeln? Angelika Unterlauf zuckt mit den Schultern. "Das muss mir der Segellehrer auch mal erklären." Demnächst will sie wieder andere Stücke machen. "Ganz normale Reportagethemen", sagt sie. Seit 1993 ist sie Reporterin bei Sat 1. Sie hat sich damit abgefunden, nicht mehr als Sprecherin zu arbeiten. "13 Jahre sind genug. Das können doch jetzt andere machen, oder?" Vielleicht liegt es daran, dass sie 1977 eher zufällig zur "Aktuellen Kamera" kam. Es war kein Karriereziel. Es wurde ihr angeboten und sie nahm an. Sie moderierte auf "Stimme der DDR" die "Notenbude", "eine Rockmusiksendung für junge Leute". "Aber ich war fast dreißig und zum zweiten Mal schwanger. Ich dachte, ich müsste jetzt was Seriöses machen. Und Nachrichten sind ja was Seriöses", sagt sie. Im Radio durfte sie nicht die Nachrichten sprechen. Zu jung. So wurde sie die jüngste Sprecherin der Aktuellen Kamera. "Ich habe gedacht, ich mache das zehn Jahre lang, dann ist Schluss und ich gehe wieder zum Radio." Sie blieb 13 Jahre. Es waren keine schönen Jahre. Sagt sie. Sie spricht davon, dass sie weg wollte, "als mir mit Gorbatschow die Zweifel kamen und alles immer verrückter, absurder wurde". Dass sie bei Heinz Adameck, dem Chef des DDR-Fernsehens, vorsprach, ob sie nicht wieder zum Radio könnte, man sie aber nicht gehen ließ. Dass sie "immer mehr verdrängte, um nicht schizophren zu werden". Und dass sie 1989 am liebsten abgehauen wäre, sich aber nicht traute. Es ist ihre DDR-Geschichte, die sie immer wieder erzählt, weil sie denkt, dass man sie von ihr erwartet. Es ist zu einem Reflex geworden. Die Medien kramen sie immer wieder als die Sprecherin der "Aktuellen Kamera" aus. Angelika Unterlauf kramt ihre Geschichte hervor. Und keiner weiß, ob die Geschichte stimmt. Dass sie erst 1985 in die Partei eingetreten ist, dass sie sich einmal weigerte, die Weltfestspiele der Jugend zu moderieren. "Die waren mir eine Nummer zu groß, zu nah dran an der Partei", sagt sie. Und die "Aktuelle Kamera"? "Die AK war nicht groß. Nur ein kleines Studio und kaum Einschaltquote. Mir wurde ja erst im Nachhinein bewusst, was das für Wirkung hatte", sagt sie. "Hängt wohl mit dem Medium Fernsehen zusammen, oder?" Dann schaut sie erstaunt auf den Schreibblock. "Ach, nicht alles mitschreiben. Nicht so viel Vergangenheit."Wieder hoch gearbeitetDer Kameramann mault: "Das ist ja wohl die bewegungsärmste Sportart, die es gibt." Dann fährt er mit dem Motorboot um den Segelkutter, um wenigstens ein paar rasante Aufnahmen zu drehen. "Wir brauchen gute Bilder", sagt Angelika Unterlauf. "Zur Not müssen wir beim Schnitt was rausholen." Sie ist stolz auf die kurzen Zweiminüter, die im Frühstücksfernsehen über den Bildschirm huschen. Vielleicht, weil sie sich wieder hoch gearbeitet hat. Vielleicht, weil sie denkt, dass beim Fernsehen nur ihre Arbeit zählt. Sie zieht ihre Geschichten durch. Ruhig. Bestimmt. Es wird gelacht, auch wenn der Wind immer noch kein Wind ist und der Kutter bewegungslos im Wasser sitzt. Ginge es nach Angelika Unterlauf, dann würde hier ihre Geschichte beginnen. Angelika Unterlauf, Reporterin beim Sat 1-Frühstücksfernsehen. Punkt. Sie weiß, dass das nicht funktioniert.Von der AK zu Sat 1 // Angelika Unterlauf beginnt 1969 ihre Karriere als Moderatorin und Sprecherin beim Hörfunk. Sie moderiert auf "Stimme der DDR" die "Notenbude", eine Rockmusiksendung. 1977 wechselt sie zum Fernsehen und liest bis 1990 die Nachrichten in der "Aktuellen Kamera" (AK), der Hauptnachrichtensendung der DDR. 1985 wird Angelika Unterlauf von den Zuschauern zum "Fernsehliebling" gewählt.Der DFF, Nachfolger des DDR-Fernsehens, nimmt sie am 3. Juli 1990 als erste Nachrichtensprecherin vom Sender. Die restlichen Sprecher verbleiben bis zur Abwicklung des DFF. Nach einer Versetzung in die Ratgeber-Redaktion wird Angelika Unterlauf 1991 gekündigt.Nach kurzer Arbeitslosigkeit beginnt sie ab 1992 Beiträge für das Fernsehen zu drehen. Zuerst als freie Journalistin bei einer Fernsehproduktionsfirma. Seit 1993 arbeitet sie als fest angestellte Reporterin für das Sat 1-Frühstücksfernsehen.BERLINER ZEITUNG/KARL MITTENZWEI "Nicht so viel Vergangenheit": Angelika Unterlauf, Reporterin bei Sat 1.