WASHINGTON. Für Julius Berman, den Vorstandsvorsitzenden der Conference on Jewish Material Claims Against Germany, ist der ganze Vorgang unfassbar, ein "Anschlag auf das menschliche Ehrgefühl". Seine Organisation wurde 1951 gegründet, um Entschädigungszahlungen der deutschen Regierung an Holocaust-Überlebende abzuwickeln. Nun flog in ihrem New Yorker Büro ein großangelegter Betrug auf: Seit 1993 sollen mehr als 42 Millionen Dollar (etwa 30,5 Millionen Euro) veruntreut worden sein. 17 mutmaßliche Betrüger wurden verhaftet, darunter sechs Mitarbeiter der Claims Conference.Die vom New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara am Dienstag vorgelegte Anklage hat es in sich. Von erfundenen Opfergeschichten ist da die Rede, von gefälschten Dokumenten und einem Komplott, sich an erschlichenen Entschädigungszahlungen zu bereichern. Betroffen waren demnach zwei von der Claims Conference verwaltete Geldtöpfe. Aus dem "Fonds für Härtefälle", der Einmalzahlungen in Höhe von 2556 Euro an ehemalige jüdische Nazi-Opfer leistet, flossen demnach rund 18 Millionen Dollar auf Grundlage von fast 5000 betrügerischen Anträgen. Aus dem "Artikel 2 Fonds", der unter anderem Renten an ehemalige Insassen von Konzentrationslagern abwickelt, wurden laut Staatsanwaltschaft in 658 Betrugsfällen insgesamt 24,5 Millionen Dollar abgezweigt.Dazu sollen die Betrüger in New York gezielt Auswanderer aus der ehemaligen Sowjetunion "rekrutiert" haben, unter anderem durch Anzeigen in russischsprachigen Zeitungen. Ihre Lebensläufe und Dokumente wurden offenbar manipuliert, um Entschädigungsansprüche geltend zu machen. So behauptete laut New York Times ein russischer Emigrant, er sei als 13-Jähriger aus dem besetzten Kiew vor den Deutschen geflohen. Tatsächlich sei er in Leningrad, heute St. Petersburg, zur Schule gegangen. Einige der Antragsteller wurden offenbar erst nach dem Zweiten Weltkrieg geboren und mindestens eine Person war nicht einmal jüdisch. Die an der Verschwörung beteiligten Mitarbeiter der Claims Conference hätten dafür gesorgt, dass die betrügerischen Anträge genehmigt wurden. Von den Zahlungen hätten sie dann einen Anteil einbehalten.Die Claims Conference wurde nach eigenen Angaben 2009 auf Unregelmäßigkeiten aufmerksam, als innerhalb von zwei Wochen zwei verblüffend ähnliche Anträge gestellt wurden. Im Dezember wurde die US-Bundespolizei FBI alarmiert, die daraufhin Ermittlungen aufnahm. Im Februar 2010 wurde der damals für die betroffenen Fonds zuständige Direktor Semen Domnitser von der Claims Conference entlassen. Laut Staatsanwaltschaft soll er der Kopf des Betrügerrings gewesen sein. 11 der Verdächtigen waren am Dienstag verhaftet worden, die übrigen offenbar schon zuvor. Im Fall einer Verurteilung drohen den Angeklagten bis zu 20 Jahre Haft. Offen ist, ob auch die rund 5500 Antragsteller mit juristischen Konsequenzen rechnen müssen, die sich Zahlungen aufgrund falscher Angaben erschlichen haben sollen. Viele sollen - wie die Angeklagten - aus Brighton Beach im New Yorker Stadtteil Brooklyn stammen, wo sich russische und ukrainische Auswanderer niedergelassen haben. Staatsanwalt Bharara sprach von einem beträchtlichen Betrug.Geschädigt ist der deutsche Steuerzahler. Die Claims Conference betonte, rechtmäßigen jüdischen Antragstellern seien keine Nachteile entstanden. Auch habe man Schritte unternommen, die internen Kontrollen zu stärken. "Wir sind empört, dass Individuen Geld, das für die Überlebenden des schlimmsten Verbrechens der Geschichte bestimmt ist, stehlen", sagte der Vorstandschef Berman.------------------------------DEUTSCHLAND"Großer Skandal"BERLIN. "Ist die Interessenvertretung der Schoa-Opfer eine korrupte Institution?" fragte die FAZ im April 2008 in scharfer Diktion und berichtete dabei über einen Streit, in dem der Conference on Jewish Material Claims against Germany (JCC) vorgeworfen wurde, die Erlöse aus Immobilienverkäufen nicht hinreichend transparent gemacht zu haben.Die JCC ist in der Vergangenheit wiederholt mit Korruptionsvorwürfen dieser Art konfrontiert worden. Am nachhaltigsten war die sogenannte Finkelstein-Debatte, die der amerikanische Politologe Norman Finkelstein mit seinem Buch "Die Holocaust-Industrie" im Jahr 2000 ausgelöst hatte. Es ging dabei um die Frage, inwieweit das Leiden von Holocaust-Opfern für finanzielle Interessen instrumentalisiert worden sei. Besonders scharf hatte Finkelstein die JCC angegriffen. Sie sei dafür verantwortlich gewesen, dass viele NS-Opfer, etwa Zwangsarbeiter, lange Zeit nicht entschädigt worden seien. Ferner behauptete Finkelstein, der Bau der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem sei von Geld finanziert worden, das für individuelle Entschädigungen vorgesehen war. Gestritten wurde außerdem darüber, dass die JCC die Zahlen überlebender NS-Opfer bewusst in die Höhe getrieben habe.Ein Großteil der Vorwürfe wurden von namhaften Historikern zurückgewiesen, und der Zentralrats-Vize Salomon Korn resümierte, das Problem seien weiniger Finkelsteins Thesen als vielmehr die Bereitschaft der Medien, diese unbesehen zu glauben. Die Diskussion über die Holocaust-Industrie war stets von antisemitischen Motiven und deren Stereotypen begleitet.Raphael Gross, Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main, hält die Veruntreuung von Entschädigungsgeldern für einen großen Skandal und findet es richtig, dass die JCC das FBI eingeschaltet hat, um eine lückenlose Aufklärung zu gewährleisten. Einen Zusammenhang zur Finkelstein-Debatte sieht er allerdings nicht. "Die Arbeit der Claims Conference war in der Vergangenheit außerordentlich wichtig und ist es auch in der Gegenwart."Die JCC wurde 1951 in New York gegründet und unterhält heute Büros in Wien, Tel Aviv und Frankfurt. Die Organisation war Verhandlungspartner der Bundesrepublik in den sogenannten Wiedergutmachungsverhandlungen und vertrat jene jüdischen NS-Opfer, die nicht Bürger des Staates Israel waren.------------------------------"Wir sind empört, dass Individuen Geld, das für die Überlebenden des schlimmsten Verbrechens der Geschichte bestimmt ist, stehlen." JCC-Vorstand Julius BermanFoto: Holocaust-Denkmal in Berlin: In 5500 Fällen wurden gefälschte Anträge auf Entschädigung gestellt und ausgezahlt.