Was wollten, was konnten Ost- und Westdeutsche während der Teilung voneinander wissen? Wirken stereotype Wahrnehmungsmuster von damals heute weiter und beeinflussen gar den Prozeß der Einheit? Diesen Fragen ging gestern die Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit Vorträgen und Diskussionen in einer öffentlichen Anhörung in Berlin nach.Die Westdeutschen befaßten sich nach der deutschen Teilung von Anfang an "deutlich weniger mit den Verhältnissen in der DDR als umgekehrt". Dies sei in der Tendenz auch nach der Wende so geblieben, sagte die Kommunikationswissenschaftlerin Anne Köhler, die von 1968 bis 1990 im Auftrag der Bundesregierung ein DDR-Forschungsprojekt bei Infratest leitete. Während sich etwa 90 Prozent der DDR-Bevölkerung über Jahrzehnte an den "besseren Lebensbedingungen" und der größeren persönlichen Freiheit in der Bundesrepublik orientierten und sich für Politik und Wirtschaft im Nachbarstaat interessierten, hatten 1985 64 Prozent der Westdeutschen die DDR "noch nie besucht". Sie äußerten zwar Sympathie für "die Brüder und Schwestern im Osten", lehnten das DDR-System aber ab. Reisen in die DDR erschienen ihnen zumeist "wenig attraktiv, wenn nicht sogar gefährlich", so die Wissenschaftlerin. Selbst im Herbst 1990 hatten zwar 97 Prozent der ehemaligen DDR-Bürger, aber nur die Hälfte der Bundesdeutschen den jeweils anderen Teil Deutschlands besucht.Nach der Einheit bröckelte das positive Bild des bundesdeutschen Systems bei den Ostdeutschen. Während 1990 noch drei von vier das System im Grunde akzeptierten, war 1993 nur noch jeder zweite damit einverstanden. Die Erfahrung, "mit wachsender Kritik am westdeutschen System verklärt sich für die Ostdeutschen die DDR-Vergangenheit", dokumentierte Köhler mit Zahlen: 1990 sahen 29 Prozent der Ostdeutschen das DDR-System als im Grunde "positiv". Drei Jahre später erklärten sich dagegen 43 Prozent als "Anhänger des DDR-Systems", von kritischen Einzelaspekten abgesehen. Für fast drei Viertel der DDR-Bürger war 1993 der Kommunismus "eine gute Idee, die nur schlecht gemacht wurde". Der Bündnisgrüne Gerd Poppe stellte angesichts ostdeutscher Kritik am demokratischen Staat die Frage, inwieweit "schlechte Politik mit schlechtem System" gleichgesetzt werde. Der Soziologe Rüdiger Thomas warnte davor, den Ostdeutschen eine "unzuverlässigere demokratische Gesinnung" nachzusagen. Ihre Ablehnung des Westsystems sei vor allem frustrierenden Lebenserfahrungen seit der Wende geschuldet. In einem Streitgespräch prangerte der 1976 in den Westen abgeschobene Autor Ulrich Schacht mit harschen Worten die "unkritische Betrachtung der DDR-Diktatur" vor allem durch die bundesdeutsche Justiz an. Da würde heute teilweise "eine DDR rekonstruiert, von der nicht mal Honecker etwas gewußt" habe.Den weitgehend beklagten "Identitätsverlust der Ostdeutschen" sieht Rainer Eppelmann auch als Folge einer fragwürdigen Wahrnehmung des Ostens durch den Westen. Bundesdeutsche Politiker hätten immer sehr freundschaftlich mit den Diktatoren geredet. Die freundliche Akzeptanz der DDR-Diktatoren durch bundesdeutsche Politiker habe auch zu gewisser Akzeptanz im Osten geführt. Der heute beschriene Identitätsverlust (festgemacht zum Beispiel an der Umbenennung einer Otto-Grotewohl-Straße) habe jedoch nur mit der Identität der Regierenden, nicht aber der der Bürger zu tun. Dem Begriff der Ostalgie setzte die ostdeutsche Psychotherapeutin Annette Simon den der "Nestalgie" entgegen, jener vermeintlichen Eigenschaft der alten Bundesbürger, ihr Nest, ihren Besitz zu verteidigen.Die deutsche Einheit "ist zuallererst ein mentales Problem", konstatierte der Soziologe Rüdiger Thomas. Mit einem Zitat von Karl Kraus markierte er ost-/westdeutsche Befindlichkeit: "Nach Ägypten wär's nicht so weit - aber bis zum Südbahnhof " +++