BERLIN, 18. April. Drei Spiele sind es noch. "Ein komisches Gefühl, wenn du so lange bei einem Verein warst", sagt Anja-Nadin Pietrek. Die 23-jährige Nationalspielerin bestreitet am Wochenende ihre drei letzten Partien für die Volley Cats Berlin. In Braunschweig muss der einstige Vorzeigeklub (zweimal Meister, viermal Pokalsieger, Europacup-Gewinner in den 90ern) in der Relegation gegen Gastgeber USC (Zweitliga-Erster Nord), Harlekin Augsburg (Zweitliga-Erster Süd) und dem vor den Cats platzierten Bundesliga-Neunten TV Creglingen um den Klassenerhalt spielen. Drei der vier Bewerber sind in der kommenden Saison erstklassig. "Dass es mal so weit kommt, hätte ich mir nicht träumen lassen", sagt Pietrek, die 1996 von der VC Olympia zum damaligen CJD kam. Da war das Team zwar schon im Abschwung, aber Play-off, Pokalendrunde, das waren immer noch Pflichttermine. Erst schleichend, dann galoppierend hat sich der Verein zum Abstiegskandidaten entwickelt. "Das haben die Verantwortlichen erst spät wahrgenommen, zu spät." Zu spät, das ist auch ein persönliches Stichwort für Anja-Nadin Pietrek. Dass sie erst jetzt geht und damit die eigene Entwicklung von der des Vereins löst, bezeichnen Experten als falsch. "Es war ein Fehler, mit dem ich vor allem mich selbst behindert habe", sagt die 1,85 m große Blondine. "Ich war vom Kopf, vom Herz und vom Bauch her nicht so weit. Wenn ich irgendwo hingehe, ohne es 100-prozentig zu wollen, dann macht das keinen Sinn." Vor einem Jahr war sie schon mal nahe dran an einem Ortswechsel. "Doch da gab es den großen personellen Umbruch und wegzugehen, wenn nur noch junge Spielerinnen da sind, das ist doof." Die Cats waren vor dem finanziellen Aus gerettet worden, es gab Versprechen, dass mit dem Neuanfang alles anders und besser werde. Dass die nicht gehalten wurden, überrascht Anja-Nadin Pietrek nicht. "Es war eigentlich immer so, und am Ende ist man selber schuld, wenn man glaubt, dass sich doch mal was ändert", sagt sie, die ansonsten von den finanziellen Dingen "keine Ahnung hat und auch gar keinen Einblick haben will". Dass es auch sportlich nicht lief, macht den Abschied leichter und schwerer zugleich. "Ich kann meine Grenzen austesten. Zum anderen werde ich immer Berlinerin sein, und hänge an all dem hier. An der nostalgischen Halle, an den Freunden." Sie habe lange gebraucht für die Entscheidung, anderswo Volleyball zu spielen. "Talent und Potenzial hat man mir immer nachgesagt. Aber deshalb bin ich noch keine gute Spielerin. Ob ich es jemals werde, weiß ich nicht. Aber ich will mir nicht den Vorwurf machen müssen, es nicht probiert zu haben." Also der Wechsel. Wohin, soll sich in den nächsten Monaten entscheiden. Das europäische Ausland ist wahrscheinlich. Den Cats helfen, die Klasse zu halten, das ist das Letzte, was Anja-Nadin Pietrek nun für die Ihren tun kann. "Ich hoffe, dass es in Berlin weitergeht und dass sich ein Sponsor mit langem Atem findet. Damit käme man endlich weg vom kurzfristigen Stopfen stets neu aufreißender Löcher." Gescheitertes ProjektNach der Saison wird es nötiger denn je sein. Denn neben Pietrek haben mit Kathy Radzuweit und Sabine Sagert zwei weitere Spielerinnen ihre Verträge prophylaktisch gekündigt, ehe sie sich automatisch um ein Jahr verlängern. Nicht gut für Berlin, aber vielleicht gut für die beiden. Denn aus Pietreks Sicht ist das viel gelobte Projekt VC Olympia (die darunter firmierende Juniorinnen-Auswahl spielte ein Jahr ohne Abstiegsregelung in der Bundesliga) nicht aufgegangen. "Es gab keine Notwendigkeit, sich gegen erfahrene Spielerinnen durchzusetzen. Die Mädchen mussten sich keine Gedanken ums Gewinnen, um Kohle oder sonst was machen."Das habe sich im Klub fortgepflanzt. "Die meisten haben es nicht geschafft, den Schalter umzuwerfen." Ein Problem, mit dem auch Pietrek zu kämpfen hatte: "Als Kapitän habe ich mich so sehr auf andere konzentrieren müssen, dass ich selbst oft richtig scheiße gespielt habe." Der Wechsel könnte eine Art sportliche Befreiung werden.Foto: CHRISTOPH HÖHNE Weg, egal wohin: Anja-Nadin Pietrek beendet ihr Engagement in Berlin.