ISTANBUL. Es gebe keine Kurden, sondern nur "Bergtürken", bekamen türkische Kinder in der Schule zu hören. Der Begriff "Kurde" sei lautmalerisch; "kart kurt" mache es, wenn man mit schweren Schuhen durch den Schnee stapfe. Solcher Unsinn wurde in der Türkei gut zwei Jahrzehnte lang gelehrt, und wer von einem kurdischen Volk sprach, musste wegen Separatismus ins Gefängnis.Seit gestern ist damit Schluss. Der türkische Präsident Abdullah Gül hat bei seinem Staatsbesuch in Bagdad zum ersten Mal einem Politiker die Hand geschüttelt, der nicht nur selber Kurde ist, sondern im Namen eines kurdischen Volkes spricht. Am zweiten Tag seines Besuches in Bagdad sprach Gül mit Nadschirwan Barsani, Ministerpräsident Irakisch-Kurdistans. Bereits am Montag hatte Gül im Flugzeug nach Bagdad das Tabu gebrochen und als erster türkischer Staatsmann von "Kurdistan" gesprochen.Hinter dem Wechsel der Wortwahl steckt eine neue Politik, die auf die veränderte Situation Rücksicht nimmt. Jahrzehntelang hat die Türkei einen kurdischen Staat in der Region mehr als alles andere gefürchtet, und auch ausländische Beobachter hatten gemeint, ein Kurdenstaat im Nordirak könne für die Kurden in der Türkei nur das Fanal für ihre eigene Nationalbewegung sein. Die Wirklichkeit sieht anders aus.Gemeinsame FeindeBis 2010 wollen sich die USA weitgehend aus dem Irak zurückziehen, und die Kurden des Nordirak bleiben sich dann selbst, dem Iran und dem Irak überlassen. Die säkularen Kurden des Irak fürchten sowohl zu großen Einfluss des Iran und der schiitischen Araber als auch einen zu starken irakischen Zentralstaat, der ihnen ihre gerade erst gewonnene Freiheit wieder neidet. Nur die Türkei steht - wie die Kurden des Irak - an der Seite der USA. Nur die Türkei ist relativ stabil, relativ säkular und außerdem relativ demokratisch. Langfristig kommt deshalb in der Region nur Ankara als Partner für die Kurden in Betracht.Das Problem heißt PKKDas wissen auch die USA, und sie tun alles, um die Annäherung zwischen Türken und Kurden zu erleichtern. Der große Störenfried in der Beziehung ist jedoch die türkisch-kurdische PKK, deren rund 5 000 Kämpfer sich immer noch in den Bergen des Nordiraks verstecken. 2008 hat Washington der türkischen Armee bei der Luftaufklärung Hilfe geleistet, und die türkischen Jets durften mehrere Wochen lang die dortigen PKK-Stellungen bombardieren. Gleichzeitig hat die türkische Regierung erstmals einen staatlichen kurdischen Fernsehsender eingerichtet, und Premier Tayyip Erdogan macht wieder stärker gegen den ethnisch-türkischen Nationalismus Front.In Bagdad hat am Montag Iraks Präsident Dschalal Talabani - auch er ist kurdischer Herkunft - im Beisein Güls die PKK zur Niederlegung ihrer Waffen aufgefordert. Tage zuvor hatte er Richtung Türkei aber auch erklärt, eine Amnestie für PKK-Kämpfer sei Voraussetzung für eine Friedenslösung. Ob diese Doppelstrategie zum Erfolg führt, bleibt offen. Ende April soll in Erbil, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan , die erste Gesamtkurdenkonferenz stattfinden - ein weiteres Hoffnungszeichen.