Nun ist es also der 4. Oktober geworden - ein Tag später als ursprünglich geplant. Erst kurz nach Mitternacht eröffnete am Dienstag die britische Ratspräsidentschaft offiziell die EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei. Vorausgegangen war ein Nervenkrieg mit den Österreichern, die sich strikt geweigert hatten, die Mitgliedschaft des Landes als Verhandlungsziel festzuschreiben. Erst als Wien seinen Widerstand aufgab, war der Weg frei. Dass er lang und steinig sein wird, dürfte spätestens jetzt allen Beteiligten klar sein - viel ist zu besprechen und zu verändern, bevor die Türkei in Europa ankommt.Personell sind die Türken gut gerüstet. Die Regierung in Ankara hat den Mann zum Chefunterhändler ernannt, der als das größte politische Talent des Landes gilt: Ali Babacan, erst 38 Jahre alt, im Hauptberuf Superminister für Wirtschaft. Babacan genießt das volle Vertrauen von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Und, was mindestens ebenso wichtig ist: Er genießt großen Respekt in der internationalen Finanzwelt und im Big Business daheim.Babacan war stets herausragend. Er schloss das Gymnasium als Jahrgangsbester ab, ebenso das Maschinenbau-Studium an der englischsprachigen Elite-Schmiede METU in Ankara. Mit einem Fulbright-Stipendium erwarb er einen Wirtschafts-Abschluss in den USA und arbeitete dann als Unternehmensberater in Chicago. Zurück in der Türkei baute er den mittelständischen Textilhandel seiner Eltern zum größten Versandhaus des Landes aus. Zugleich beriet er den Bürgermeister von Ankara in Wirtschaftsfragen. Er gehörte zu den Mitbegründern der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP. Als ihn Erdogan ins Kabinett holte, war Babacan erst 35 Jahre alt.Der Chefunterhändler ist Repräsentant einer neuen türkischen Elite. Diese ist auf Grund ihrer Ausbildung und ihrer Berufserfahrung fest im Westen verwurzelt und im Privatleben dennoch fromm. Babacan gilt als gläubiger Moslem, seine Frau Zeynep trägt in der Öffentlichkeit Kopftuch. Gleichwohl verteidigt Babacan die laizistische Ordnung der Türkei, also die Trennung von Staat und Religion. Im Kabinett erwarb er sich Respekt durch seine sture Haltung bei der Sanierung der Staatsfinanzen. Die türkische Wirtschaft wächst zurzeit in enormem Tempo. Die Verhandlungen über die überlebenswichtigen Beistandskredite des Internationalen Währungsfonds meisterte Babacan bisher mit Bravour.Die ganz große Herausforderung seines Lebens beginnt allerdings erst jetzt. Mindestens zehn Jahre werden die Verhandlungen mit der EU voraussichtlich dauern. 35 Kapitel umfasst der Gesprächskatalog. Er soll die Türkei in Wirtschaft, Recht und Politik auf EU-Niveau heben. Ob das gelingen wird und ob am Ende tatsächlich die lang ersehnte Mitgliedschaft steht, ist völlig offen.Leitartikel Seite 4, Politik Seite 6, Wirtschaft Seite 11------------------------------Foto: Ali Babacan, türkischer EU-Unterhändler