Anke Domscheit-Berg (Piratenpartei): Die Überzeugungstäterin

Fürstenberg - Mitten im Gespräch ist da kurz der Impuls, Anke Domscheit-Berg vor Anke Domscheit-Berg zu beschützen. Sie hat den Kopf auf die Hände fallen lassen, ihre Finger fahren durch die langen Haare. „Ich werde einen Großteil der Pubertät meines Sohnes verpassen!“, ruft sie, und: „Wir haben in drei Jahren eine Woche Urlaub gemacht!“ Aber Frau Domscheit-Berg, ist es dann nicht klar? Jetzt müssen mal andere die Welt retten.

Da hebt sie den Kopf und sagt: „Aber es macht doch kein anderer.“ Es ist lustig gemeint. Und auch wieder nicht.

Seit ein paar Tagen ist Anke Domscheit-Berg jetzt also auch noch Kandidatin der Piratenpartei für das Europaparlament. Zu allem, was sie sowieso schon ist: Beraterin von Firmen, die mehr Frauen in ihren Führungsetagen wollen. Netzaktivistin und Talkshow-Gast, wann immer jemand gebraucht wird, der die Internet-Überwachung als Gefahr für die Demokratie anprangert – also ziemlich oft in letzter Zeit. Lobbyistin für offene Verwaltungen, deren Pläne und Dokumente die Bürger einsehen können. Vorsitzende der Piratenpartei in Brandenburg. Und Autorin eines Buches über sich und ihre Vision einer freieren Gesellschaft, das frisch gedruckt vor ihr liegt, auf dem Tisch ihres hellen, großen Wohnzimmers in Fürstenberg an der Havel.

Sie wollte Pause machen nach dem Buch. Mal lockerlassen, mehr Zeit für den Sohn haben, für den Garten, für sich. Fünf Jahre in Brüssel, das könne sie sich jetzt nicht vorstellen, hat sie in den vergangenen Monaten geantwortet, wenn sie mal wieder gefragt wurde, ob sie nicht im Mai fürs Europaparlament kandidieren wolle. Und sich am Ende doch aufstellen lassen.

„Ich werde jedenfalls nicht nur traurig sein, wenn es nicht klappt“, sagt Anke Domscheit-Berg. Man erschrickt fast, weil für einen Moment etwas in ihrer Stimme ist, das man nicht kennt an ihr: Zweifel. Es ist irritierend und beruhigend gleichzeitig. Anke Domscheit-Berg sitzt sonst als energisches Ausrufezeichen in den Talkshows, man könnte eines hinter fast jeden ihrer Sätze malen, die sie allesamt so zügig und zielsicher zu Ende bringt, als lese sie von einem inneren Script ab.

Ein Ausruf ist auch der Titel ihres Buches: „Mauern einreißen!“, dahinter: „weil ich glaube, dass wir die Welt verändern können“. Es ist ein Plädoyer für eine Welt, in der Frauen die gleichen Chancen haben wie Männer und das Internet den Staat demokratischer und transparenter macht. Es ist auch die Geschichte einer jungen Frau in der DDR, deren wachsendes Unbehagen an ihrem Staat sie aufmüpfig werden lässt – und die dann erlebt, dass sich der Mut gelohnt hat. Am 11. November 1989 stand Anke Domscheit-Berg mit ihrer Mutter auf der Mauer am Brandenburger Tor und fühlte ein nie gekanntes Glücksgefühl in sich aufsteigen. Das Unvorstellbare war wahr geworden. Sie sagt, dieses Gefühl könne sie jederzeit abrufen, als Energiequelle, wenn sie mal wieder ein aussichtsloses Ziel verfolge. Dann weiß sie wieder: Aussichtslose Ziele gibt es nicht. „Alles lässt sich verändern!“, ruft Anke Domscheit-Berg, und falls da eben noch Zweifel war in ihren Augen, jetzt ist er weg.

Begegnung im Falafel-Laden

Ein junger Mann kommt herein, wuschelige Haare, dunkel umrandete Brille, entspannter Gang, er legt zwei dieser sehr großen verpackungsparenden Bio-Apfelsaft-Tüten mit eigenem Ausgieß-Hahn auf die Kücheninsel und fragt höflich, ob es stört, wenn er noch ein bisschen arbeitet in der Küche.

Es ist Daniel Domscheit-Berg, der hier erwähnt werden muss, weil zu beider Bild der jeweils andere unbedingt dazugehört. Vor ziemlich genau vier Jahren lernten sie sich kennen, er war damals engster Vertrauter von Julian Assange, mit dem er die Enthüllungsplattform Wikileaks aufgebaut hat, sie war Managerin bei Microsoft. Ein Jahr später hatte sich Daniel Berg mit Assange überworfen, Anke Domscheit hatte gekündigt, und sie waren auch nach außen für alle ersichtlich zu einer Einheit geworden: zum Ehepaar Domscheit-Berg, das gemeinsam die Welt verbessern will.

Daniel Domscheit-Bergs Plan einer alternativen Whistleblower-Plattform mit Namen Openleaks ist bis jetzt nicht aufgegangen, aber etwas Illustres umgibt ihn weiterhin, vor Kurzem befeuert durch die Hollywood-Verfilmung des Buches, in dem er seine Zeit bei Wikileaks beschreibt und seine Entfremdung von Julian Assange und dessen Allmachtsfantasien. Daniel Brühl ist Daniel Domscheit-Berg, und er sieht ihm sogar ziemlich ähnlich.

Manchmal tritt das Ehepaar, das 2012 öffentlichkeitswirksam der Piratenpartei beigetreten ist, auf Internet-Konferenzen und im Fernsehen gemeinsam auf, vereint zu einer freundlich-bestimmten Argumentations-Maschine, er wirkt immer etwas entspannter, sie dozierender, was an ihrer exakten Aussprache liegen kann, die ihr etwas von einer Lehrerin beim Diktat gibt.

Sie kann aber auch sehr befreit lachen, wie jetzt gerade, als sie sich erinnert, wie sie einander von Freunden vorgestellt wurden, in einem Falafel-Laden in Mitte. Anke Domscheit-Berg war gerade in Indien gewesen und mit der Erkenntnis zurückgekommen, dass sie etwas ändern wollte an ihrem durchorganisierten Leben als Managerin und alleinerziehende Mutter. Dass sie ihre Kraft und ihre Kenntnisse lieber in eine Idee stecken wollte, die sie faszinierte und die in den USA gerade Schule machte: „open government“, transparente Behörden, deren Arbeit man im Internet verfolgen kann. „Und ausgerechnet da treffe ich den Mann meiner Träume, sicher kein Zufall!“

Es war ein Mann, der ihr von der Akademiker-Partneragentur ElitePartner, über die sie vorher erfolglos einen Lebensgefährten gesucht hatte, wohl nicht vorgeschlagen worden wäre: ein zehn Jahre jüngerer Informatiker aus Wiesbaden, Hacker und Sprecher eines Projekts, das mit der Veröffentlichung interner Berichte von US-Diplomaten über andere Regierungen gerade weltweit Aufsehen erregte.

Liebesgeschichten passieren zwischen zwei Menschen, aber vielleicht kann man trotzdem fragen, ob sie möglicherweise eine Erfahrung teilen, ostdeutsche Frauen in Anke Domscheit-Bergs Alter und Männer, die heute 35 und jünger sind: die eines Umbruchs, der Gewohntes durch Ungewisses ersetzt. Anke Domscheit-Berg hat erlebt, wie das Land und das System, in dem sie aufwuchs, verschwanden. Daniel Domscheit-Berg ist erwachsen geworden im Wissen um die revolutionäre Kraft, die darin steckt, dass jeder sich über einen Computer mit der Welt verbinden kann. Sie hätten im Falafel-Laden begonnen, sich zu unterhalten und nicht mehr aufgehört, sagt Anke Domscheit-Berg. Zwei Wochen später beschlossen sie zu heiraten.

Zu ihrer Neuerfindung als eine Art Kraftzentrum der digitalen Szene gehörte vor drei Jahren der Umzug von Berlin-Mitte in die Uckermark im Norden Berlins. „Unser Leben war so hochtourig, wir brauchten einen Gegenpol“, sagt Anke Domscheit-Berg. Sie suchten im gesamten Umland, entschieden haben sie sich für das hübsch zwischen Seen gelegene Städtchen Fürstenberg. Nicht wegen der Seen, sondern wegen des guten Anschlusses an die digitale wie an die analoge Welt: Es gibt einen Breitband-Internetzugang und eine Direktverbindung zum Berliner Hauptbahnhof, beides eher selten in der Gegend. Ihr großes altes Haus, dem der von Anke Domscheit-Berg farbenfroh umstrickte Baum im Vorgarten etwas Villa-Kunterbunt-haftes gibt, haben sie havel:lab genannt. In Erdgeschoss und zweiter Etage wohnen sie mit 14-jährigem Kind und Kater, in den Räumen dazwischen trifft sich mal die Piratenpartei, mal zeigt Daniel Domscheit-Berg Schülern eines nahe gelegenen Gymnasiums, was Hardware Hacking ist, also das erfindungsreiche Basteln mit Computerteilen, und an diesem Nachmittag wird noch eine Gruppe älterer Damen eintreffen: der örtliche Strickzirkel. Anke Domscheit-Berg wäre wie immer dabei, müsste sie nicht später noch nach Berlin, für die allererste Lesung aus ihrem Buch.

Die Gegend, die Menschen hier, es ist Heimat für sie. Anke Domscheit-Berg kommt aus Brandenburg, sie ist in Müncheberg aufgewachsen, als Tochter eines Arztes und einer Kunsthistorikerin, die, so schreibt sie es in ihrem Buch, sie jenseits von Geschlechterklischees erzogen und ihr beigebracht hätten, aufrecht zu bleiben und sich Druck nicht zu beugen. Was das bedeutet, erfuhr sie am Anfang ihres Studiums, als sie ein rares Stipendium für einen dreimonatigen Frankreichbesuch bekommen hatte und ihr Glück nicht fassen konnte. Eines Tages bekam sie Post von einem „Jugendtouristbüro“, das sie zu einem Treffen einbestellte. Der Brief war von der Staatssicherheit, die ihr die Zusammenarbeit nahegelegte – sonst werde es die Reise für sie nicht geben. Anke Domscheit-Berg verzichtete.

Die plötzliche Freiheit

Den Brief des angeblichen Reisebüros hat sie als Faksimile auf ihre Homepage gestellt. Da sind auch die Resolutionen und Flugblätter, die sie im Herbst 1989 an der Kunsthochschule Schneeberg im Erzgebirge geschrieben hat und in denen die Studenten Mitspracherecht fordern und den „absoluten Wahrheitsanspruch der Staats- und Parteiführung infrage“ stellen. Aus den Texten spricht schon der klare Ernst, mit dem Anke Domscheit-Berg auch 25 Jahre später ihre Forderungen vorträgt und der heute so ungewohnt ist – weil er ein Gefühl beschwört, das in Westdeutschland irgendwann in den Siebzigerjahren abhanden gekommen sein muss: die Überzeugung, dass eine bessere Gesellschaft möglich ist, wenn man nur für sie einsteht.

Anke Domscheit-Berg sieht nachdenklich auf den großen runden Kater, der mit gespitzten Ohren die Vögel vor dem Fenster im Blick behält. Sie sagt, dass sie froh ist, 21 gewesen zu sein, als die Mauer fiel. Alt genug, um alles genau mitzubekommen und sich sogar ein wenig mitverantwortlich zu fühlen für das Unglaubliche, die plötzliche Freiheit. Jung genug, um sich danach ins Leben zu stürzen mit all seinen neuen Möglichkeiten und nicht, wie viele Menschen in der DDR, das Gefühl zu haben, dass plötzlich wertlos sei, was man bisher getan hat.

Es gab Momente, wo auch sie das zu spüren bekam: Als ihr Abschluss als „Textilkünstlerin“ nicht anerkannt wurde, weil es in der BRD nichts Vergleichbares gab. Als sie sich Anfang der Neunzigerjahre für ein Stipendium bewarb und man ihr zu verstehen gab, dass ihr ausgezeichnetes DDR-Abitur ja wohl eher ihrem politischen Wohlverhalten zu verdanken sei als ihrer Leistung.

Sie hat dann Betriebswirtschaftslehre studiert, weil sie gehört hatte, damit würde sie auf jeden Fall Arbeit finden. Und weil Anke Domscheit-Berg es wohl immer schon allen zeigen wollte, ist sie nach dem Studium in Deutschland auch noch an eine Universität in England gegangen und hat danach in einer Unternehmensberatung Karriere gemacht, wurde dann von McKinsey abgeworben, arbeitete sich in die Führungsetage. Über die Hindernisse, die ihr dabei in den Weg gelegt wurden, als Frau und Mutter, hat sie sich öffentlich und laut beschwert, was sie vor ein paar Jahren schon einmal zu einem beliebten Talkshowgast gemacht hat. Sie setzte durch, dass McKinsey eine europaweite Studie über Frauen in Führungspositionen in Auftrag gab, bekam für ihr Engagement den Berliner Frauenpreis, wechselte zu Microsoft, wegen der weniger familienfeindlichen Unternehmenskultur. Und kündigte schließlich.

All das ist in ihrem Buch nur noch angedeutet, der autobiographische Teil endet bald nach dem Mauerfall. Mit dem Buch hat sich Anke Domscheit-Berg, 45, nun auch noch ihren eigenen Entwicklungsroman geschrieben, hat ihrem Leben Form und Folgerichtigkeit gegeben und ihrem Sendungsbewusstsein eine Quelle. So viel gelebter Weltverbesserungsdrang weckt zwiespältige Gefühle bei Menschen, die sich von der Bewältigung des Alltags schon ausreichend gefordert fühlen – also den meisten. In die Bewunderung mischt sich Abwehr, möglicherweise auch, weil ein Paar wie die Domscheit-Bergs einen daran erinnert, wie sehr man sich selbst im Man-müsste-mal eingerichtet hat.

Die Überzeugungstäterin sei nun mal in ihr, sagt Anke Domscheit-Berg und erzählt, wann sie zum ersten Mal in Sachen Internet missioniert hat: Während eines Studienprojekts in England stieß sie auf einen Reiseanbieter, der Fotos der Hotels, die er weltweit anbot, im Internet zeigte. Mitte der Neunzigerjahre eine Neuheit. Anke Domscheit-Berg sagt, das war der Moment, als ihr klar wurde, dass dieses World Wide Web noch jede Menge verändern würde.

Sie machte einen Termin beim Chef des Reiseveranstalters Ameropa, wo sie drei Jahre gearbeitet hatte, um Geld fürs Studium zu verdienen. „Ich habe auf ihn eingeredet: Das ist die Zukunft! Das müssen Sie auch machen! Ameropa muss ins Internet!“ Sie spricht atemlos und wedelt mit den Armen, spielt die aufgeregte Studentin. Der ältere Herr legte ihr den Arm auf die Schulter und sagte nur: „Ach, Frau Domscheit. Sie haben immer so schöne Flausen.“

Anke Domscheit-Berg kichert. Sie kann halt nicht anders, sagt die Geschichte. Aber auch: Sie hat natürlich recht behalten.