Im Prozeß gegen den früheren Staats- und Parteichef Egon Krenz und zwei weitere Politbüro-Mitglieder hat die Staatsanwaltschaft gestern mit ihrem Plädoyer begonnen. Sie wies den Vorwurf der Siegerjustiz zurück.Bevor das Gericht die Beweisaufnahme schließen konnte, lieferten sich die beiden Protagonisten dieses Prozesses, Egon Krenz und Günter Schabowski, nochmals ein Wortgefecht. Die Erklärungen von Krenz "sind nicht mehr zu ertragen", reagierte Schabowski aufbrausend. Er bestritt, aus den Umlaufakten des Politbüros über die Toten an der Grenze informiert worden zu sein. Krenz hatte dies letzte Woche gesagt. "Diese Dinge wurden ausgeklammert", meinte nun Schabowski: "Honecker schien das Politbüro in bestimmten Fragen nicht für vertrauenswürdig zu halten." Krenz entgegnete ebenso heftig. "Die Grenzer, die Grenzsoldaten und deren Führung wußten von den Grenzzwischenfällen. Nur die Pfeifen im Politbüro sollen es nicht gewußt haben? Ich verteidige mich nicht auf Kosten derer, denen ich verpflichtet bin", konterte er.Emotional leitete auch Oberstaatsanwalt Bernhard Jahntz sein Plädoyer ein, die Prozeßbeteiligten hätten sich der "historischen und politischen Dimension" dieses Verfahrens "nicht gewachsen" gezeigt. Jahntz sprach dabei von einer "Kinderstube" und den Versuch, "sich eine ahistorische Wunsch-DDR zusammenzuzimmern". Dem Vorwurf der Siegerjustiz begegnete er mit dem Satz: "Nur die Herrschenden wurden besiegt, und zwar von ihrem eigenen Volk." Den Strafprozeß rechtfertigte Jahntz, denn auch "eine totalitäre Staats- und Rechtslehre kann die Menschenrechte nicht aushebeln". 263 Menschen seien an der Grenze getötet worden. Dieses Grenzregime sei unter der maßgeblichen Bestimmung des Politbüros entstanden. Jahntz legte den strukturellen Aufbau der DDR und des Grenzregimes dar. Die Politbüromitglieder haben nach Ansicht der Staatsanwaltschaft den tödlichen Schußwaffeneinsatz beabsichtigt und gebilligt. Am Donnerstag wird das Plädoyer fortgesetzt. Dann wird die Staatsanwaltschaft auch das Strafmaß fordern.