Fast zehn Monate dauerte es, bis Polizei und Staatsanwaltschaft das umfassende Geständnis des 34jährigen Thomas Rung überprüften. Jetzt ist das belastende Papier fertig. Der Gelegenheitsarbeiter kommt wegen sechsfachen Mordes, Raubes mit Todesfolge sowie mehrfacher Vergewaltigung vor Gericht.Die Berliner Zeitung hatte es im März enthüllt: Der am 28. Februar festgenommene Hellersdorfer "Feuermörder" gestand weitere Morde und andere Verbrechen. Die Aussage des 34jährigen, zwischen 1983 und 1995 insgesamt sieben Menschen umgebracht zu haben, löste bei den Behörden Entsetzen aus. Denn stimmen Rungs Aussagen und wird er vom Gericht schuldig gesprochen, müssen sich Polizei und Justiz den Vorwurf gefallen lassen, damals schlecht ermittelt zu haben.Besonders brisant: Ein spektakulärer Irrtum steht vor der Aufdeckung. Sechs Jahre lang saß der heute 32jährige Michael Mager für einen Mord hinter Gittern, den Rung nach eigenem Geständnis begangen hat. Am 13. Oktober 1983 war die 77jährige Melanie Scharnow in ihrer Wohnung an der Neuköllner Silbersteinstraße erwürgt und ausgeraubt worden. Mager wurde zum Hauptverdächtigen erklärt, weil die Spurensicherung seine Fingerabdrücke in der Wohnung gefunden hatte. Mager saß sechs der acht Jahre ab. Mieter Rung, der ebenfalls vernommen wurde, ließ man wieder laufen.Nur wenige Wochen später starb in der Nähe wieder eine Frau: die Pfarrerstochter Susanne Matthes. Wieder stellten Polizei und Justiz einen Falschen vor Gericht, doch im letzten Moment wurde der Irrtum bemerkt. Der Anwalt von Mager hat jetzt die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt. "Die Staatsanwaltschaft hat sich dem angeschlossen", erklärte gestern Justizsprecher Rüdiger Reiff.Zumindest ein ungutes Gefühl, wenn nicht gar kalte Füße müßte eigentlich Oberstaatsanwalt Willi Wiedenberg bei dem Gedanken haben, den alten Fall neu aufrollen zu müssen. "Trotz der Presseträchtigkeit muß der Fall Rung behandelt werden wie jeder andere auch", erklärte der 55jährige gelassen. Außerdem wehrt Wiedenberg Vorwürfe ab, Mager sei zumindest wegen schweren Raubes zu Recht verurteilt worden.Nach Angaben von Reiff ist das Hauptverfahren gegen Rung noch nicht eröffnet. Auch ein Prozeßtermin steht noch nicht fest. Die Liste der Straftaten ist lang:Am 13. Oktober 1983 soll Rung seine 77jährige Vermieterin Melanie Scharnow in Neukölln erwürgt und 80 Mark entwendet haben.Am 24. November 1983 soll er eine Studentin aus Neukölln sexuell genötigt und erwürgt haben.In der Nacht zum 1. Dezember 1983 soll er eine 85jährige Frau in Reinickendorf beraubt und in hilfloser Lage zurückgelassen haben. Die Frau starb in der frostkalten Nacht an Unterkühlung.Am 24. Dezember 1983 soll der Angeklagte am Neuköllner Schiffahrtskanal eine Spaziergängerin vergewaltigt und sie ertränkt haben.Am gleichen Tag soll er eine 30jährige Frau in Neukölln vergewaltigt haben.In der Nacht zum 14. Juni 1984 soll der Angeklagte eine 23jährige vergewaltigt und beraubt haben.Im Oktober 1990 soll er eine 58jährigen Frau vergewaltigt und anschließend in der Wanne ertränkt haben.Am 25. Februar 1995 soll Rung seinen Stiefbruder während eines Streits erschlagen und in der Wanne ertränkt haben.Am 28. Februar 1995 soll er eine 34jährige Frau in deren Wohnung vergewaltigt und erwürgt, anschließend die Wohnung angezündet haben. Wenig später wird Rung festgenommen. +++