In jedem Gebüsch vermutete sie Abhöranlagen, in der Wohnung unter ihr Richtmikrofone, die jeden Herzschlag von ihr zählten. Wie auf dem "elektrischen Stuhl" habe sie sich gefühlt, beschreibt Nancy von Bunker in ihrem Buch "Die Tickerlady - mein Leben in der Technoszene" ihre panische Angst vor einer Verhaftung und vor dem Knast. Im Verfolgungswahn stürzte sie sich von einer 14 Meter hohen Brücke in die Spree, "um endlich Ruhe zu haben". Feuerwehrmänner holten sie aus dem Wasser. Hätte sie die "Tickerlady" nicht geschrieben, wäre ihr vermutlich eine Anklage wegen Drogenhandels erspart geblieben. Denn erst das Buch hat die Rauschgiftfahnder auf ihre Spur gebracht. Dabei ist es ein mutiges Buch, eines, das den Drogenhandel in Berliner Techno-Clubs beschreibt. Von ihrem Auf- und Abstieg als Dealerin schreibt Nancy von Bunker, davon, wie sie von einem "Olaf" oder "Flori" Speed, LSD und Ecstasy besorgte, selbst nahm und auch verkaufte, eben "vertickte", wie es in der Szene heißt. Und wie sie die Drogen fast um Verstand und Leben brachten. "Zigtausend Exemplare der ,Tickerlady wurden verkauft", heißt es bei Ullstein. Zu den Lesern gehörten aber auch Drogenfahnder. Am gestrigen Montag geschah, wovor sich Nancy von Bunker am meisten gefürchtet hatte: Die heute 31-Jährige stand wegen unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln in mindestens 20 Fällen vor Gericht. Für jeden einzelnen Fall sieht das Gesetz eine Haftstrafe von einem Jahr bis zu 15 Jahren Gefängnis vor. Da war sie wieder, die Angst. Auf dem Gerichtsflur schaute sie um sich, als würde sie weiter verfolgt. Vor dem Schöffengericht musste ihr Verteidiger für sie sprechen, weil sie zu nervös war. Der Staatsanwalt warf Nancy von Bunker vor, zwischen August 1994 und August 1995 Ecstasy und Amphetamine an ein Mädchen und dessen Freund, beide noch keine 15 Jahre alt, verkauft zu haben. Dem Mädchen soll sie zudem eine Spritze mit Heroin "verabreicht" haben. Das, was in der Anklage stand, steht auch in ihrem Buch. Dort heißt das Mädchen Sonja und dessen Freund Christian. Sonja setzte sie den ersten Schuss. "Ich entschied mich für die gleiche Menge wie bei meinem ersten Druck und jagte ihr die Ration in den Körper", heißt es in dem Buch. Realität oder Fantasie der Autorin? Die Ermittler fanden schnell Nancy von Bunkers wirklichen Namen heraus, weil es eine Akte über ihren Sprung in die Spree gab, den sie im Buch genauestens beschreibt. Sie verglichen auch Namen und Aussagen von anderen Dealern, fanden Sonja und Christian, heute 21 Jahre alt und clean. Sie waren am Montag als Zeugen geladen und hofften, dass Nancy von Bunker "so milde wie möglich bestraft wird", wie Christian sagte. Weil sie selbst einmal auf Droge war und ihr Leben inzwischen auf die Reihe gekriegt habe. Mit 22 Jahren kam Nancy von Bunker aus Erlangen nach Berlin. Sie war vor einem "Alltag aus Terror und Streit" mit den Eltern und vor einem Job als Arzthelferin geflohen, den sie "so was von hasste". In Berlin wollte sie nach "Glück" suchen. Zwei Jahre später - sie hat inzwischen Erfahrungen mit Drogenpsychosen, mit Einbrüchen und Schlägereien - stopfte sie ihre Drogen in die Waschmaschine und legte den Kochwaschgang ein. Sie wollte Schluss machen, weil ihre Angst vor der Polizei und dem Knast immer heftiger wurde. Ein Jahr später griff sie noch einmal zu Heroin. "Das war ein einmaliger Ausrutscher", sagte ihr Verteidiger Thorsten Bieber. Im Dezember hat Nancy von Bunker eine Ausbildung zur Feng-Shui-Beraterin abgeschlossen. Sie will sich selbstständig machen. Ins Gefängnis muss sie nicht. Das Schöffengericht verurteilte sie zu einem Jahr und acht Monaten Haft auf Bewährung. Es rechnet ihr an, dass sie gestand und die Taten sehr lange zurück lagen. "Sie hat dieses Kapitel in ihrem Leben jetzt abgeschlossen", sagte ihr Verteidiger. Es gebe keine weiteren Verfahren mehr. Nancy von Bunker sprach immer noch nicht und guckte weiter bedrückt. So, als kann sie es nicht glauben.

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