Ann-Kathrin Kramer forscht im WDR nach ihren Ahnen: Der Großonkel und die Riefenstahl

Die alte Frage, woher man kommt, hat im Laufe der Jahrhunderte unzählige Menschen beschäftigt. Die einen wandten sich der Philosophie zu, andere der Religion oder der Esoterik. Wer es lieber etwas handfester hat, wurde zum Ahnenforscher in eigener Sache.Die Popularität der Genealogie schlug sich 2006 auch aufs Programm des WDR-Fernsehens nie-der, in Gestalt der Reihe "Vorfahren gesucht!". Aus der entwickelte sich zudem das ARD-Format "Das Geheimnis meiner Familie", durch das die Schauspielerin Marie-Luise Marjan unerwartet zu einem Halbbruder kam. Das bescherte den WDR-Ahnenforschern damals einige Schlagzeilen. Am vergangenen Wochenende kam - in einem anderen Fall - eine weitere, ausgesprochen reißerische dazu: "Leni Riefenstahl ließ meinen Onkel zwangssterilisieren", brüllte es aus der Bild am Sonntag. In den Mund gelegt wurden diese Worte der Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer.Wer sich heute Abend die betreffende Folge von "Vorfahren gesucht!" anschaut, wird erstens feststellen, dass es sich bei dem vermeintlichen Onkel um einen Großonkel handelt. Und zweitens, dass das vermeintliche Zitat gar keines ist. Ann-Kathrin Kramer spricht so dezidiert nicht aus, was die Sonntags-Bild verkündet. Nach 45 Minuten (film-)historischer Detektivarbeit kann man aber tatsächlich zu der Auffassung gelangen, dass Leni Riefenstahl schuldig geworden ist. Ihr Opfer: der Fotograf, Kameramann, Regisseur, Cutter und Produzent Willy Zielke - Ann-Kathrin Kramers Großonkel.Beeindruckt hatte dieser die Riefenstahl mit dem Film "Das Stahltier". Sie verpflichtete ihn daraufhin für den berühmten Prolog ihrer "Olympia"-Filme - doch in welcher Funktion? Im Online-Lexikon Wikipedia liest Ann-Kathrin Kramer nach, dass er die "Aufnahmen . leitete." Im Zuge ihrer Recherchen stößt sie auf eine andere Wahrheit: Der Prolog stammt samt und sonders von Zielke - ein brisanter Fund, der einen noch einmal anders über die sowieso umstrittene Regisseurin Riefenstahl nachdenken lässt.Mehr noch: Während des Prolog-Drehs kam es offensichtlich immer wieder zu Reibereien zwischen Zielke und Hitlers bevorzugter Filmemacherin. Kurz nach Fertigstellung wurde Zielke von zwei Männern abgeholt und wegen angeblicher Schizophrenie in die Psychiatrie gebracht. Da Schizophrenie damals als Erbkrankheit galt, wurde die Zwangssterilisation angeordnet. Die Diagnose "unheilbar" bedeutete zudem einen lebenslangen Aufenthalt. Doch dann tauchte 1942 auf einmal wieder Leni Riefenstahl auf, der beim Dreh von "Tiefland" der Kameramann abhanden gekommen war. Sie brauchte den vermeintlich psychisch kranken Zielke. Also kam er frei.Ob sie auch hinter seine Zwangseinweisung steckte, aus Rache, um den Ruhm für "Prolog" für sich alleine beanspruchen zu können? Beweise gibt es nicht. "Ann-Kathrin Kramer: Vorfahren gesucht" jedenfalls ist sehenswert: als spannende Reise in die Vergangenheit mit einer sympathischen Hauptdarstellerin - der Großnichte Willy Zielkes.Vorfahren gesucht: Ann-Kathrin Kramer, 20.15 Uhr, WDR------------------------------Foto: Der Regisseur Willy Zielke war Ann-Kathrin Kramers Großonkel.