Nachdem am Deutschen Theater ihr erstes Theaterstück aufgeführt wurde, gab Anna Langhoff an der Volksbühne nun ihr Debüt als Regisseurin. Auf der kleinen Studiobühne im dritten Stock hat sie höchst eigenwillig den "Golem" inszeniert. Das ist ein gewaltiger Stoff: Eine jüdische Legende, eine mythologische Gestalt, die oft literarisch verarbeitet wurde.Anna Langhoff hat aus Gustav Meyrinks Golem-Roman eine wundersame Bühnenfassung entwickelt: Keine theatralische Nacherzählung des Romans, sondern das Selbstgespräch einer Frau, die sich in die jüdische Sage hineintastet wie in ein geheimnisvoiies Labyrinth.Die Golem-Saga lebt von der Wunschphantasie eines verfolgten Volkes: Der Golem ist ein Wunderwesen von übermenschlicher Kraft, das die Juden vor ihren Feinden schützt. Anna Langhoffs Bearbeitung kommt mit einer einzigen Schauspielerin aus: Meral Yüzgulec spielt ein kindliches Mädchen im roten Kleid und eine clowneske Figur in übergroßem schwarzen Anzug, mit riesigen Händen und einer dünnen Gummimaske über dem Gesicht: Ein androgynes Gespenst aus den Tiefen der Geschichte, eine Mythenerzählerin aus dem Zirkus. Die junge Meral Yüzgülec tastet sich suchend in die Golem-Legende hinein: Verwundert und hilflos vor der Geschichte, die in ihr aufsteigt, ganz bei sich und reduziert In ihren schauspielerischen Mitteln. ihre Blicke gehen nach innen. Die Inszenierung ist leise und hochkonzentiert wie man es an diesem Theater selten erlebt hat.Heidrun Schüler hat für diesen Monolog eine raffiniert poetische Bühne gebaut: Ein Holzgestell, ein Treppengerüst, in dem Merel Yüzgülec kauert und sich versteckt. Wichtig sind die Requisiten des Spiels: Ein alter Koffer oder eine große Puppe, die Meral Yüzgülec mit sich schleppt wie ein Überbleibsel aus der Kindheit. Heidrun Schüler ist es gelungen mit ihrer Bühne dem abgründigen Spiel einen poetischen Raum, eine prägende Atmosphäre zu schaffen. Selbst die banalen Requisiten besitzen eine geheimnisvolle Aura, als wären sie mit der Darstellerin aus einer mythologtschen Vorzeit in die Ge. genwart geschwemmt worden.Die Inszenierung ist poetisch und geheimnisvoll -- und sie ist tief melancholisch. Anna Langhoff verbindet den Mythos mit höchst konkreten politischen Erinnerungen. Sie versucht nicht weniger, als die seelischen Spuren der Leidensgeschicht" ihres Volkes auszuleuchten. Ein ehrgeiziges Unternehmen, das der Regisseurin auf faszinierende Weise gelungen ist.