BERLIN. Anne-Kathrin Elbe ist erst 20 Jahre alt. Sie ist Hürdenläuferin. Hürden, die sie schon genommen hat, reichen für ein ganzes Leben: Die Aussagen von Anne-Kathrin Elbe gegenüber der Staatsanwaltschaft und vor dem Landgericht Magdeburg führten zur Verurteilung ihres ehemaligen Trainers Thomas Springstein wegen des versuchten Dopings an einer damals Minderjährigen. Ihren Mut und ihre Aussagen bezeichnete Clemens Prokop, der Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, einmal als "Jahrhundertereignis". Prokop ist der Präsident jenes Verbandes, der den wiederholt in Dopingaffären verwickelten Springstein noch 2002 zum Trainer des Jahres ernannt hat. Das war nur eine von vielen empörenden Lügen.Jene Auszeichnung aber, die Anne-Kathrin Elbe am Freitag in Berlin erhält, hat nichts Anrüchiges, nichts Fragwürdiges. Es ist die glaubwürdigste Plakette, die in der Wunderwelt des Sports vergeben wird: Anne-Kathrin Elbe wird mit dem Heidi-Krieger-Preis des verdienstvollen Vereins Dopingopferhilfe geehrt."Ich bin ein Einzelfall"Sie erhält damit jene Goldmedaille, die Andreas Krieger 1986 im Kugelstoßen bei der Europameisterschaft in Stuttgart gewonnen hat. Andreas Krieger hieß damals noch Heidi Krieger. Heidi Krieger startete für den SC Dynamo Berlin und war schwer gedopt, mit männlichen Sexualhormonen. Der Hochleistungssport ist voll von Lügen dieser Art, und Andreas Krieger wird am Freitag im Coubertin-Saal des Landessportbundes, wo sich überraschenderweise der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, angekündigt hat, einige Worte dazu sagen.Anne-Kathrin Elbe macht keine großen Worte um jene Aussagen gegen Springstein, die andere ein Jahrhundertereignis nennen. Dem Deutschlandfunk gelang es, Anne-Kathrin Elbe für ein halbstündiges Gespräch mit der Doping-Aufklärerin Brigitte Berendonk zu gewinnen. Über den Sender ging ein bemerkenswerter Dialog: Brigitte Berendonk hatte lange keine Interviews gegeben, und sie will das auch künftig so schnell nicht wieder tun. Aber der Respekt vor Anne-Kathrin Elbe und die Neugier auf diese außergewöhnliche Sportlerin waren groß genug. Man könne deren Mut gar nicht hoch genug würdigen, sagte Berendonk: "Ich frage mich allerdings, warum das, was Anne-Kathrin misstrauisch gemacht hat, für ihre Trainingskameradinnen offenbar gar nicht so schlimm gewesen ist?" Das ist eine der Kernfragen: Warum ist Anne-Kathrin Elbe die Ausnahme und nicht die Regel? Warum packt kaum ein Sportler aus? Anne-Kathrin Elbe weiß es nicht. "Es war selbstverständlich für mich. Aber ich bin bisher ein Einzelfall."Anne-Kathrin Elbe hatte die Tabletten, die ihr Springstein verabreichte, nicht eingenommen und stattdessen von einem Apotheker überprüfen lassen - das ist die Kurzfassung eines Kriminalfalls. "Ich habe das aus dem Bauch heraus entschieden", sagte sie. "Ich wollte nicht noch mehr Muskeln haben. Ich habe darüber nicht viel nachgedacht." Bauchentscheidungen können grandiose Wirkungen haben.Bisherige Preisträger der Heidi-Krieger-Medaille sind der Hormonforscher Christian Strasburger, die Biathlon-Olympiasiegerin Antje Harvey-Misersky, der Sporthistoriker Giselher Spitzer und, natürlich, Brigitte Berendonk. Nun also Anne-Kathrin Elbe. Auch sie wurde für ihren Mut nicht bejubelt, sondern angefeindet in der Branche. Mit diesen Mechanismen kennen sich auch die anderen Preisträger aus. "Mein Freundeskreis schrumpfte", sagte Elbe; aber sie konnte erkennen, wer wirkliche Freunde sind.Anne-Kathrin Elbe hat gleich zwei Anti-Doping-Termine in Berlin: Am Donnerstag ist sie mit dem Radprofi Jörg Jaksche zur Präsentation des neuen Dopingbuches von Werner Franke und Udo Ludwig geladen. Am Freitag erhält sie die Heidi-Krieger-Medaille. "Ich fühle mich geehrt", sagt Anne-Kathrin Elbe. Die Publicity ist ihr etwas unheimlich. Sie ist eine stille Genießerin, geradezu demütig nimmt sie die Auszeichnung entgegen. Und für die Zeit nach der Feierstunde äußerte sie im Deutschlandfunk einen Wunsch. "Ich hätte schon gern, dass man über mich sagt: Ach, das war die, die bei der U-23-Europameisterschaft eine Medaille gewonnen hat. Und nicht: Das war die, die den Springstein verpetzt hat."Sie wird allerdings damit leben müssen, dass man den Fall Thomas Springstein immer auch mit ihrem Namen in Verbindung bringt. Sie kann gut damit leben. Sie ist eine großartige Preisträgerin.------------------------------DebattenDopingopferhilfe: Den Heidi-Krieger-Preis vergibt der 1999 gegründete Verein Dopingopferhilfe (DOH) für "engagiertes Wirken gegen Doping im Spitzensport". Die 20-jährige Hürdensprinterin Anne-Kathrin Elbenimmt die Auszeichnung am Freitag in Berlin entgegen.Der Dopingopferhilfeverein im Internet:www.dohev.deDoping-Diskussion: Das Gespräch zwischen Dopingaufklärerin Brigitte Berendonk und Anne-Kathrin Elbe ist als Audiodatei zu hören.Im Deutschlandfunk im Internet unter:www.dradio.de/aod/html/ ?mod=aod&station=1&day=16&month=09&year=2007&ACTION_DATE=SucheDoping-Sachbuch: Die jüngste Publikation zum Thema verfassten Werner Franke/Udo Ludwig: "Der verratene Sport", München.------------------------------Foto: Hürden, die für ein Leben reichen: Anne-Kathrin Elbe, Zweite der U 23-Europameisterschaften mit der deutschen 4 x 100-Meter-Staffel in diesem Jahr.