"Ans Ende kommen" von Dieter Wellershoff: Das Wesentliche ist mir nicht zu nehmen

Es gehört zu den schwer zu verzeihenden Nachlässigkeiten des deutschen Literaturbetriebs, dass der große Kölner Schriftsteller Dieter Wellershoff, der Anfang November 89 Jahre alt geworden ist, hierzulande noch immer eher als Geheimtipp gilt. Das mag sehr viel mit seiner kühlen Intellektualität zu tun haben, die auch seine großen Gesellschaftsromane wie „Der Sieger nimmt alles“ kennzeichnet. Wellershoff lässt viele seiner Figuren existenziell scheitern und scheint als Erzähler dann selbst neugierig darauf zu sein, wie diese mit der Situation zurechtkommen.

Wie viel es von Wellershoff nicht nur aus dessen Büchern zu lernen gäbe, dokumentiert nun ein Hörbuch, das gar kein Buch ist und doch als literarische Verdichtung wahrgenommen werden kann. In „Ans Ende kommen“ spricht Wellershoff einen faszinierenden Monolog über das Leben, das Altern und das Sterben.

„Das Faszinierende am Altwerden“, sagt Wellershoff in druckreifer Diktion, „das ist ja nicht nur das eigene Altwerden, sondern es ist das Altwerden um einen herum. Da gibt es die erschreckendsten Beispiele: Verfall und vor allen Dingen Orientierungsverlust, Gedächtnisverlust und dann auch eine andere Erfahrung des Alterns ist das Sterben ringsum, die Gleichaltrigen sterben, wenn man alt wird, um einen herum. (…) Das Sterben ringsum ist sozusagen ein Preis des hohen Alters, dass man das erlebt. Immer auch mit einem gewissen schmeichelnden Erfolg: ‚Ja, ich lebe aber noch‘, also der Kitzel der Vitalität, ‚Ich mache noch weiter‘ oder ‚Wir machen noch weiter‘. Und das ist natürlich gleichzeitig verbunden mit dem neuaufkommenden, auch bedenklichen Nachdenken ‚Wie sind sie denn wohl gestorben? Was ist das, das Sterben?‘“

Es ist ein leises, aber bestimmtes Nachdenken über die in die Jahre gekommene Existenz. Wellershoff hat dabei nichts von seiner schonungslosen Reflexionskraft verloren, mit der er auch seine Romanfiguren beobachtet. Man kann es hier noch einmal zitieren, aber man sollte es vor allem hören:

„Das Problem eines alternden Menschen ist natürlich, dass er, wenn er ein Bewusstsein von sich und der Welt hat, immer noch in die Gefahr gerät, sich da zu platzieren: Wer bin ich? Und: Wie werde ich gesehen? und so weiter. Das ist gefährlich, denn da könnte also Unzufriedenheit entstehen oder Empörung oder wie auch immer. Das ist gefährlich. Man kriegt sicher niemals die ideale Antwort. Immer ist etwas, was man so nicht belegt hat, was man versteht, aber nicht mag und so weiter. Also es ist schon sehr wichtig, dass man sozusagen eine Identität hat, die gewissermaßen auch wasserdicht ist. Dass man sagt: Das Wesentliche ist mir nicht zu nehmen. Das muss man erreichen, um menschlich leben zu können. Das Wesentliche ist mir nicht zu nehmen.“