Diyarbakir - Als der Trauerzug den Friedhof in der türkischen Kurdenmetropole Diyarbakir erreicht, donnern F-16-Kampfjets am blauen Himmel, unterwegs in die Provinz Hakkari und den Nordirak, um dort Stellungen der Kurdenguerilla PKK zu bombardieren. „Wir begraben unsere Toten, und sie töten unsere Söhne“, sagt der Rentner Fahiri Server, der wie all die anderen gekommen ist, um zwei Opfern des Terroranschlags vom Sonnabend in Ankara das letzte Geleit zu geben. Einige der Trauernden tragen Schwarz, ältere Frauen die traditionellen bunten kurdischen Kleider, viele der jungen Leute sind in Jeans und T-Shirts gekommen. Als die mit Fahnen in den kurdischen Farben Rot-Gelb-Grün bedeckten Särge die ausgehobenen Gruben erreichen, skandiert die Menge „Mörder Erdogan“ und „Mörderstaat“, viele machen mit ihren Händen das Victoryzeichen der kurdischen Freiheitsbewegung.

Fahiri Server, ein schlanker Mann mit weißen Bartstoppeln, hält den Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan für mitschuldig an dem Terrorakt, dem mindestens 102 Menschen zum Opfer gefallen sind. Als der Imam gesprochen hat, ruft Server gemeinsam mit den Tausenden, was sie wieder und wieder gerufen haben auf ihrem Marsch zum Friedhof: „Märtyrer sterben nie!“ und „Der Mörderstaat wird zur Rechenschaft gezogen!“ Kurdische Frauen stimmen das schrille Trillern an, mit dem sie der Toten gedenken. Von der Straße her behalten Spezialpolizisten in Schutzwesten, mit Maschinenpistolen im Arm vor gepanzerten Fahrzeugen den Friedhof genau im Auge.

Das älteste Opfer des Attentats

Zu Grabe getragen werden hier an diesem Tag Abdullah Erol, 43, Parlamentskandidat der prokurdischen Linkspartei HDP und die 70 Jahre alte Meryem Bulut. Der aus Diyarbakir stammende Erol, Vater zweier kleiner Kinder, verkörpert die politische Bewegung der linken Kurden und linken Türken. Die HDP übersprang bei den Parlamentswahlen im Juni als erste prokurdische Partei die Zehnprozenthürde und trug entscheidend dazu bei, die absolute Mehrheit von Erdogans seit 13 Jahren regierender islamisch-konservativer Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) zu brechen.

Die 70-jährige Kurdin Meryem Bulut aus Istanbul ist das älteste Opfer von Ankara. Sie steht für jene Kurden, die sich seit den Achtzigerjahren immer wieder gegen den türkischen Staat erhoben und die Guerillabewegung PKK unterstützten.

Ihr Sohn Ahmet war PKK-Mitglied und verlor vor neun Jahren sein Leben beim Kampf „in den Bergen“, wie die Kurden sagen; ihr Enkel Onur starb zu Beginn des Jahres im irakischen Sindschar-Gebirge, als er auf Seiten der syrischen Kurden gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) kämpfte.

Meryem Bulut, die als „Meryem Ana“, Mutter Maria, bekannt war, gehörte zur Bewegung der kurdischen „Friedensmütter“, die sich für ein Ende des Konfliktes zwischen der Armee und der PKK einsetzten. Jetzt ist sie selbst zum Opfer geworden. Zum Opfer einer Tat, die viele Menschen auf der Beerdigung und in der Stadt Diyarbakir als Anschlag auf die Kurden deuten. „Die Regierung behauptet, dass hinter der Tat der IS steht“, sagt die 16-jährige Schülerin Alda Arcu. „Aber wieso konnten die Terroristen das ungehindert tun? Trotz all der neuen Sicherheitsgesetze und Sicherheitsmaßnahmen? Mitten in Ankara?“

Ähnliche Fragen stellen Trauernde in der ganzen Türkei. Dass die polizeilichen Ermittler die Hintergründe der Bluttat jemals umfassend klären werden, daran mögen viele nicht glauben. Erfahrungen der Vergangenheit haben sie gelehrt, den türkischen Geheimdiensten und sogar der Regierung Schreckenstaten jeder Art zuzutrauen. Sie glauben, dass Kräfte innerhalb des Staatsapparats über die Anschlagspläne informiert oder gar in sie verwickelt waren. Dass Erdogan einen Krieg gegen die Kurdenpartei führt, um sie wieder unter die Zehnprozenthürde zu drücken und damit seine Macht zu sichern. Tatsächlich sind auch die beiden vorangegangenen Terroranschläge des Sommers auf Kurden und Linke in Diyarbakir und Suruc bisher nicht befriedigend aufgeklärt worden.

Beim Attentat von Ankara hatten sich vermutlich zwei Täter auf einer Friedensdemonstration in die Luft gesprengt. In den Krankenhäusern der Hauptstadt bangen die Angehörigen weiter um jene unter den mehr als 250 Verletzten, die noch immer mit dem Tod ringen.

Die türkische Regierung hat drei Tage Staatstrauer ausgerufen. Doch überall im Land mischen sich in die Verzweiflung auch Wut und Zorn über das beispiellose Versagen der Sicherheitskräfte. In vielen Städten formierten sich am Montag und Dienstag Trauer- und Protestzüge, Gewerkschaften und Verbände riefen zu Streiks auf. Vor allem im kurdischen Südosten blieben auch am Dienstag viele Läden geschlossen. Und überall dieselben Fragen: Wer hat diese barbarische Tat zu verantworten? Und welche Auswirkungen wird sie wohl auf die Neuwahlen am 1. November haben?

Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hat bereits am Montag erklärt, dass alle Spuren des Anschlags auf eine Urheberschaft der IS-Dschihadisten hindeuteten. Er versicherte zudem, dass die Parlamentswahl trotz der zunehmenden Spannungen im ganzen Land wie geplant stattfinden werde.

Die unterschiedlichen Reaktionen spiegeln die tiefe Spaltung der türkischen Gesellschaft, die von der Regierung und von Erdogan aus wahltaktischen Gründen seit Monaten vorangetrieben wird: Es ist eine Spaltung zwischen islamisch und säkular, rechts und links, Türken und Kurden. Die extreme Polarisierung lässt die dringend nötige gesellschaftliche Versöhnung immer unwahrscheinlicher erscheinen. Nirgends wird diese Kluft derzeit deutlicher als in den kurdischen Provinzen Südostanatoliens, in denen die HDP bei der Juniwahl bis zu 90 Prozent der Stimmen holte.

In der Innenstadt von Diyarbakir herrscht seit Sonnabend eine abgestufte Ausgangssperre. Die Eingänge zur Altstadt sind von Einheiten der Aufstandspolizei mit massiven Sperrgittern abgeriegelt, hinter denen Panzerwagen und Wasserwerfer stehen. Nur Anwohner mit gültigen Ausweispapieren werden herein- und hinausgelassen. Vor den Absperrungen stehen Dutzende Menschen, die darüber klagen, dass sie ihre Angehörigen und Freunde nicht besuchen oder ihren Geschäften nicht nachgehen können. Die Straßen der Altstadt, in denen sonst Hunderte Geschäfte um Kunden buhlen, sind verlassen, die Läden verbarrikadiert. Über den Häusern kreisen Polizeihubschrauber. Abends ist Maschinengewehrfeuer zu hören und manchmal auch eine Explosion.

Die Polizei versucht im Altstadtviertel, Kämpfer der bewaffneten PKK-Jugendorganisation aufzuspüren, die im unübersichtlichen Gewirr der Gassen ein ideales Terrain für den Straßenkampf vorfinden. Die Jugendlichen versperren Zufahrtswege, heben Gräben aus, damit die gepanzerten Fahrzeuge der Sicherheitskräfte nicht durchkommen; aus ihren Verstecken heraus liefern sie sich Gefechte mit der Polizei. Beide Seiten gehen mit äußerster Brutalität vor.

„Das ist alles nicht so ungewöhnlich, die Türkei ist nun einmal ein Land des Nahen Ostens“, sagt der AKP-Spitzenkandidat von Diyarbakir, Galip Ensarioglu, bei einem Gespräch in seinem Büro. Eine ungewöhnliche Aussage für einen Vertreter der Regierungspartei, die so stolz auf ihre „Neue Türkei“ ist, setzt er doch sein Land mit gescheiterten Staaten wie Syrien oder Irak gleich.

Auch Ensarioglu ist Kurde, er ist der Vertreter eines der bedeutendsten kurdischen Clans der Region und davon überzeugt, dass seine AKP die bei der Juniwahl verlorenen Stimmen in den Kurdengebieten jetzt wieder zurückgewinnen werde. Der Anschlag von Ankara habe jedoch mit der bevorstehenden Wahl nicht das Geringste zutun. Niemand könne die Regierung der Kollaboration mit dem IS bezichtigen, denn die Türkei sei Teil der US-geführten Koalition gegen die Dschihadisten und bombardiere sie jeden Tag.

Der schlagfertige Politiker beherrscht das Schwarze-Peter-Spiel perfekt. Die Verantwortung trage der IS, indirekt aber auch die PKK. „Sie ist für das Chaos im Land verantwortlich, sie hat die Kämpfe begonnen“, sagt er. „Was soll die Polizei denn tun, wenn sie in unseren Städten von Leuten mit Kalaschnikows angegriffen wird?“

Das Gespräch wird immer wieder vom Heulen der F-16-Jets übertönt, die vom nahen Stützpunkt zu ihren Kampfeinsätzen starten. Seit der Waffenstillstand zwischen der PKK und dem türkischen Staat Ende Juli aufgekündigt wurde, laden die Jagdbomber ihre Fracht wieder über den Positionen der Guerilla ab. Die Rebellen haben im Gegenzug den Guerillakampf von den Bergen in die Städte getragen und damit eine neue Front eröffnet.

Wird bald wieder verhandelt?

Am Sonntag nun hat die PKK-Führung eine einseitige Waffenruhe bis zu den Wahlen am 1. November ausgerufen, um diese nicht zu gefährden. Wäre das nicht eine Gelegenheit , die Friedensgespräche neu zu beleben und auch staatlicherseits die Waffen ruhen zu lassen? „Es ist ausgeschlossen, nur weil eine Terrororganisation plötzlich beschließt, dass sie wegen der Wahlen nicht mehr schießen will“, sagt Galip Ensarioglu. Doch auch er weiß nach den Erfahrungen von dreißig Jahren Kampf mit mehr als 40000 Toten, dass die Rebellen militärisch nicht zu besiegen sind. Deshalb ist sich der AKP-Politiker auch sicher, dass bald wieder verhandelt werden wird, und er beruft sich auf ein Wort von Erdogan, wonach der Friedensprozess derzeit zwar „eingefroren“ sei, aber nicht tot. „Es geht weiter, wenn wir die Wahl gewonnen haben“, sagt Ensarioglu mit einem siegesgewissen Lächeln.

In der Altstadt sitzt im leeren Speisesaal des Vier-Sterne-Hotels Liluz, das wegen der Ausgangssperre gerade fast keine Gäste hat, der Geschäftsmann Melik Bedirhanoglu, dessen Familie das renommierte Haus gehört. „So kann es nicht weitergehen“, sagt der 46-Jährige, der in Diyarbakir Vorsitzender des größten kurdischen Unternehmerverbandes ist. „Die Kämpfe und das Chaos zerstören die Wirtschaft und den Tourismus in der Stadt und der gesamten Region.“ Er spricht von Umsatzeinbußen, seit die Kurdenregion wieder zum Schlachtfeld geworden sei. Auch Bedirhanoglu hat Angst vor einem Bürgerkrieg, der Kurdistan verwüsten würde wie Syrien oder den Irak. Die AKP, aber auch die PKK spielten ein gefährliches Spiel mit der Zukunft.