Paris - Die jüdische Gemeinde in Frankreich könnte sich derzeit eigentlich bestärkt und geschützt fühlen: Es hagelt Auftrittsverbote gegen den als antisemitisch geltenden Komiker Dieudonné, vom konservativen Bürgermeister bis zur sozialistischen Regierungsspitze sind sich alle in der Verurteilung des Provokateurs einig, und Präsident François Hollande hat den Kampf gegen Antisemitismus zum „nationalen Anliegen“ erklärt. Doch die Stimmung bei den Juden in Frankreich ist am Boden: Im vergangenen Jahr schnellte die Zahl der Auswanderer nach Israel in die Höhe. Ein wichtiger Grund: Der zunehmende Antisemitismus in Frankreich.

Mehr als 3000 französische Juden wanderten im vergangenen Jahr nach Israel aus - ein Anstieg um 63 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie das israelische Einwanderungsministerium kürzlich bekanntgab. Damit lagen die Franzosen unter den „Olim“ (Neueinwanderern) noch vor den US-Bürgern, an erster Stelle lagen nach wie vor Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Da Israel in Frankreich mit der größten jüdischen Gemeinde Europas ein enormes Potenzial für seine Einwanderungspolitik sieht, soll demnächst sogar ein spezielles Programm für französische Juden aufgelegt werden.

Die jüdischen Verbände in Frankreich versuchen, das Phänomen herunterzuspielen. „Die Zahlen bleiben trotzdem bescheiden“, sagte der Präsident des Dachverbandes jüdischer Einrichtungen (Crif), Roger Cukierman, im Dezember. Bei einer Zahl von zwischen 350.000 und 500.000 Juden in Frankreich seien 3000 Auswanderer keine „astronomische Zahl“.

Cukierman hat den Kampf gegen den zunehmenden Antisemitismus in Frankreich zu seinem zentralen Anliegen gemacht, seit er im Mai den Vorsitz übernahm. So räumte er ein, dass neben der düsteren Wirtschaftslage in Frankreich die „schlechte allgemeine Stimmung“ unter den Juden - auch infolge des Antisemitismus - ein Hauptgrund für die Auswanderung sei. Die rechtsextreme Front National macht er dafür genauso verantwortlich wie die extreme Linke.

Tatsächlich nahm die Zahl antisemitischer Taten in Frankreich im Jahr 2012 um 58 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, wie es in einem Bericht der jüdischen Organisation SPCJ vom vergangenen Februar hieß. Der Dachverband Crif sah gar eine „Explosion“ bei antisemitischen Taten seit dem Jahr 2000.

Vor allem sind viele Juden seit den Attentaten des Islamisten Mohamed Merah traumatisiert, der im März 2012 vor einer jüdischen Schule im südfranzösischen Toulouse drei Schüler und einen Lehrer erschoss. Dies war für viele Juden in Frankreich ein Schock und ein „Wendepunkt“, wie es der israelische Präsident Shimon Peres ausdrückte.

Obwohl es auch in anderen europäischen Ländern einen teils deutlichen Anstieg des Antisemitismus gibt, sind Frankreichs Juden besonders beunruhigt. Einer Untersuchung der in Wien ansässigen Agentur der Europäischen Union für Grundrechte vom vergangenen November zufolge haben Juden in Frankreich mit 70 beziehungsweise 60 Prozent die meiste Angst vor verbalen oder sogar körperlichen Angriffen. 46 Prozent denken demnach ans Auswandern.

Crif-Präsident Cukierman räumt ein, dass der französische Staat seine Hausaufgaben in puncto Sicherheit der jüdischen Gemeinde zwar macht. Aber: „Man kann nicht einen Polizisten oder Stacheldraht vor jede Synagoge, jede koschere Fleischerei stellen.“ Nötig sei ein Umdenken in der Gesellschaft - „Erziehungsarbeit“, nannte das Cukierman zu seinem Amtsantritt.

In der Zwischenzeit schlägt Israel in die Kerbe und wirbt offensiv um französische Zuwanderer. „Kommen Sie nach Israel“, hatte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei seinem Frankreichbesuch Ende Oktober ausgerufen - und sich damit öffentlich Widerworte von Frankreichs Präsident Hollande eingehandelt: „Der Platz für die französischen Juden ist in Frankreich.“

Hitzige Antisemitismus-Debatten wie um den Komiker Dieudonné, dessen Videos im Internet schon von Millionen angeklickt wurden, dürften die Juden in Frankreich aber eher verunsichern als beruhigen. (afp)