Berlin - Unten durch die Ebertstraße schieben sich die Touristenmassen. Die Gegend um Brandenburger Tor und Reichstag gehört zum Pflichtprogramm für jeden Berlin-Besucher. Muss man einfach gesehen haben. Aus dem Chefbüro im zweiten Stock des Jakob-Kaiser-Hauses lässt sich der Trubel gut überblicken. Man schaut auch auf die Currywurst-Bude am Tiergarten. Noch so eine Touristenattraktion.

Anton Hofreiter hat eine klare Meinung über den Imbiss-Stand da draußen. Er sagt mit bayerischem Bass: „Das ist wenigstens eine gescheite Wurstbude.“ Es gibt dort Produkte aus artgerechter Fleischproduktion. Ab und zu geht Hofreiter dort hin. Kürzlich hat er sich dabei sogar von einem Fernsehteam filmen lassen. Zur Currywurst gab’s Pommes Frites mit Mayonnaise, das volle Programm. Hofreiter liebt Fleischgerichte. Verzicht ist seine Sache nicht.

Vor drei Monaten, vor der Bundestagswahl, sahen sich Hofreiters Grüne dem Vorwurf ausgesetzt, den Menschen in Deutschland das Fleischessen verbieten zu wollen. Plötzlich war in den Zeitungen viel von der „Verbotspartei“ die Rede. Die politische Konkurrenz nahm die Vorlage dankbar auf.

Eigentlich hatten die Grünen nur anregen wollen, dass öffentliche Kantinen einmal pro Woche fleischlos kochen. Das ging nach hinten los im Land der Würste und Schnitzel. Der Begriff Veggie Day wurde zur Chiffre für ein oberlehrerhaftes, ja autoritäres Politikverständnis. Der Partei hat das sehr geschadet, genau wie die Steuerpläne und die Pädophilie-Debatte. Der erhoffte Machtwechsel fand nicht statt, die Grünen bleiben in der Opposition. Nach der Wahlniederlage tauschten sie fast die gesamte Führungsriege aus. So kam es, dass der bisherige Verkehrspolitiker Anton Hofreiter Anfang Oktober Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag wurde und das Chefbüro mit Blick auf die Wurstbude seines Vertrauens bezog.

Gestalter des Leerlaufs

Dort sitzt der 43-Jährige nun an einem kleinen Konferenztisch, die Füße von sich gestreckt, die oberen Hemdknöpfe geöffnet. Der Raum sieht noch ziemlich unfertig aus. Längst sind nicht alle Bücher in die Regale geräumt, an den Wänden fehlen Bilder. Bis vor Kurzem hat hier die bisherige Fraktionsvorsitzende Renate Künast residiert.

Hofreiter hat viel zu tun in diesen Wochen, obwohl sich die Regierungsbildung hinzieht und das Parlament noch gar nicht richtig mit der Arbeit begonnen hat. Die Stimmung in der Fraktion ist angespannt. Die Ausschüsse haben sich noch nicht konstituiert. Viele Parlamentarier wissen noch gar nicht, welche Themen sie in den kommenden vier Jahren bearbeiten werden. Schwarz-Rot lässt es ruhig angehen. „Zeit schinden, Chaos veranstalten“, nichts anderes sei das, schimpft Anton Hofreiter. Als Fraktionschef muss er jetzt übergangsweise den Leerlauf gestalten und darauf achten, dass die internen Verteilungskämpfe einigermaßen fair vonstatten gehen.

Anton Hofreiter, geboren 1970 in München, aufgewachsen im oberbayerischen Sauerlach, Parteilinker, Doktor der Biologie. Das ist der Mann, der künftig im Bundestag der Kanzlerin und ihrer schwarz-roten Übermacht Paroli bieten soll. Gemeinsam mit Katrin Göring-Eckardt steht er an der Spitze der kleinsten Fraktion. Nur 63 Abgeordnete stellen die Grünen. Die Linke hat einen mehr und überdies mit Gregor Gysi einen Entertainer als Fraktionschef. Union und SPD kommen zusammen auf 504 Abgeordnete. Anton Hofreiter hat ungemütliche Jahre vor sich.

Dabei ist die Rolle als Führungsfigur der parlamentarischen Opposition möglicherweise gar nicht die schwierigste. Denn Hofreiter steht überdies vor der Aufgabe, den gerupften Grünen neues Selbstvertrauen zu geben. Sie müssen eine neue Rolle finden und sich den Wählern wieder als Partei empfehlen, der man die Staatsgeschäfte anvertrauen mag. Sei es an der Seite der SPD, der Union oder gemeinsam mit Sozialdemokraten und Linken.

Intern wird bei den Grünen gerade heftig über Strategien diskutiert. Es gibt viele Leute, die meinen, dass die Partei das Erbe des Liberalismus in Deutschland antreten sollte. Nicht in dem Sinne, dass man der kalten FDP nacheifern müsse, die ganz gewiss nicht mehr als Vorbild taugt. Sondern dahingehend, dass sich die Grünen wieder stärker darauf besinnen sollten, dass Freiheit und Selbstbestimmung zu ihren Grundwerten gehören.

Freiheit statt Verbot

Womit man wieder beim Veggie Day wäre. Oder beim Tempolimit oder bei den Plastiktüten oder bei der Auffassung, dass Frauen, die sich um ihre Kinder kümmern, statt arbeiten zu gehen, etwas grundfalsch machen in ihrem Leben.

Anton Hofreiter wird seit seiner Wahl zum Fraktionschef häufig gefragt, wie er es denn mit der Freiheit halte. Er sagt dann, dass sich bei den Grünen vieles ändern müsse. Nicht so sehr die Überzeugungen, aber der Habitus und die Tonlage. Man dürfe den Leuten nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben. Die Grünen seien das Gegenteil einer Verbotspartei.

Als Biologe ist Hofreiter Experte für Ökologie. In den vergangenen zwei Jahren saß er dem Verkehrsausschuss des Bundestags vor. Über die Parteigrenzen hinweg genoss er als Fachpolitiker einen ausgezeichneten Ruf. Auch in Energiefragen kennt er sich gut aus. Als Fraktionsvorsitzender muss er jetzt Generalist werden. Mit einem Thema aber kann er sich besonders hervortun: Freiheit, grüne Version.

Wahrscheinlich gibt es in der neuen Führungsriege von Partei und Fraktion keinen anderen, der das Thema so glaubwürdig vertreten kann wie er. Hofreiter ist ein Freak. Früher gab es bei den Grünen etliche Leute wie ihn, was die Partei für viele Wähler und Milieus attraktiv machte.

Anton Hofreiter ist ein freundlicher Mensch, aber auf Konventionen gibt er nicht viel. Mit seinen langen Haaren sieht er aus wie einer aus der grünen Gründergeneration. Ein Auto hat er nicht. Wenn er mal eines braucht, borgt er sich den Golf seines Vaters. Hofreiter trägt lieber Jeans als Anzüge und Krawatten nur, wenn es gar nicht anders geht. Er liebt die klare, direkte Ansprache.

Bei einer Forschungstour im Regenwald von Peru hat er sich vor einigen Jahren einmal Wadenbein und Knöchel gebrochen. Er schleppte sich eineinhalb Tage weiter, bis er versorgt werden konnte. Schuhe fester schnüren und weiter geht’s: Die Rolle des unangepassten Kämpfers ist Hofreiter auf den Leib geschnitten. Sie ist bei den Grünen auch vakant, seit die schrille Claudia Roth vom Parteivorsitz ins Bundestags-Präsidium gewechselt ist. Ein einflussreicher Grünen-Stratege sagt mit Blick auf den neuen Fraktionschef: „Er hat das Potenzial, diese Lücke zu füllen. Wenn wir 2017 die Wahl gewinnen wollen, dann als Partei der Freiheit und Buntheit.“

Aber wie wird man eigentlich Anton Hofreiter? Und wie kommt man als bayerischer Bub aus dem konservativen Münchner Vorort Sauerlach zu den Grünen? Hofreiter sagt: „Es war die Zeit, als Franz Josef Strauß noch regiert hat.“ Das liberale, kunstsinnige München galt Mitte der Achtzigerjahre als heimliche Hauptstadt der Republik. Ansonsten ging es in Bayern aber ziemlich autoritär zu. Hofreiter war 14 Jahre alt, als ihn ein Nachbar ansprach und fragte, ob er nicht mal mit zu den Grünen kommen wolle. Sein Erweckungserlebnis hatte er im oberpfälzischen Wackersdorf, wo die Anti-Atom-Bewegung gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage mobil machte.

Auf Anhieb ins Parlament

„Das war meine erste Demonstration“, sagt Hofreiter. Er habe damals gesehen, mit welcher Wucht auch in Deutschland Bürger und Staat aufeinandertreffen können. Polizei gegen Demonstranten: Wackersdorf war in jener Zeit ein Synonym für entfesselte Gewalt, für eine verfehlte Industriepolitik und eine Regierung, die ihre Beschlüsse mit aller Macht durchzusetzen versuchte. Gewonnen haben am Ende die Bürger und nicht der Staat.

„Die Vorstellung, dass da jemand anderer Meinung ist und die Dinge anders sieht, war damals unerhört“, sagt Hofreiter. „Da waren die Grünen eine extreme Provokation.“ Er blieb bei den Grünen, engagierte sich viele Jahre lang in der Kommunal- und Landespolitik. Nach Studium und Promotion fragten ihn Parteifreunde, ob er nicht für den Bundestag kandidieren wolle. 2005 schaffte er auf Anhieb den Sprung ins Parlament.

Eigentlich wollte er in der Forschung bleiben und sich habilitieren. So wie sein Bruder, der Biologie in Potsdam lehrt. Politik oder Wissenschaft: Beides zugleich geht auf Dauer nicht. Hofreiter hat es ein paar Jahre lang versucht und sich dann für die Politik entschieden.

„Kommen Sie mal mit“, sagt Hofreiter. Er springt von seinem Stuhl auf und wechselt forschen Schrittes zu seinem Schreibtisch. Auf seinem Laptop ruft er die eigene Internetseite auf. Dort gibt es die Rubrik Wissenschaftler. Sie enthält eine lange Liste mit Aufsätzen aus internationalen Fachzeitschriften. Viele davon sind erschienen, als Hofreiter schon längst im Bundestag um den richtigen Weg in der Verkehrspolitik stritt. Er hat über ein Liliengewächs der Anden promoviert. Über der Seite mit der Publikationsliste steht: „Als Biologe befasse ich mich mit Biodiversitätsforschung.“

Diversität heißt Vielfalt. Jeder und jede nach seiner Façon. Es ist eigentlich ein sehr grünes Prinzip.