Dass Anton Tschechow von Berufs wegen Arzt wahr, merkt man eigentlich all seinen literarischen Arbeiten an: Denn er kannte die existenziellen Ängste seiner Figuren, schaute ihnen ohne Sentimentalität unter die Haut und legte den Finger genau dorthin, wo es weh tat. "Er schrieb", so der irische Schriftsteller Sean O'Faolain, "seine Diagnose als Dichtung" nieder. Besonders deutlich ist der Bezug zu Tschechows Erfahrungen als praktischer Arzt in dem kleinen, 1892 erschienenen Roman "Krankenzimmer Nr. 6" nachzulesen.Er führt in die Ödnis der russischen Provinz und in ein heruntergekommenes Krankenhaus. Unweit davon befindet sich eine verrottete Baracke, in der all jene verwahrt werden, die ihr Leben nicht mehr bewältigen können oder wollen. Ärztlich therapiert, womöglich kuriert wird dort keiner, die Atmosphäre erinnert eher an ein Gefängnis. Aber in diesem trotz aller scheußlichen Zustände freien Raum befindet sich zumindest ein angeblich Geisteskranker, der sich intellektuell gegen die Zumutungen des Lebens wehrt. Der Anstaltsleiter kommt zufällig mit ihm ins Gespräch und findet ihn bei ihren Debatten über Gegenwart und Zukunft, Freiheit und Tod, Philosophie und Religion gescheiter als alle Einwohner der Kleinstadt. Deshalb sucht der Arzt seinen Patienten immer öfter auf, doch wird sein Verhalten von den sogenannten Normalen natürlich nicht lange geduldet. Er verliert seine Stellung, Wohnung, Pension und wird schließlich selbst in das Krankenzimmer Nr. 6 gesperrt. Sogar Tolstoi sparte nach der Veröffentlichung nicht mit Lob, obwohl er neuen Autoren gegenüber nur selten wohlwollend eingestellt war.Eine Dramatisierung dieser Novelle inszeniert nun Dimiter Gotscheff am Deutschen Theater im Bühnenbild von Katrin Brack. Der Verstand ist "die einzig mögliche Quelle des Genusses", sagt der Arzt einmal. Offen bleibt, ob sich die "Gesunden" oder ob die "Kranken" mehr davon verschaffen können.------------------------------Krankenzimmer Nr. 6 Premiere am Fr (26. 2.), 19.30 Uhr, dann: 27. 2. sowie 5., 7., 13., 21. 3., Deutsches Theater, Schumannstr.13 a, Karten unter: 28 44 12 25 oder 08105-23 27 00.------------------------------Foto: Gruppentherapie wird oft unterschätzt.