Von einem 22-jährigen Schauspieler, der gerade erfahren hat, dass er auf der Berlinale im Februar zum "Shooting Star" gekürt wird, und so als eines der viel versprechendsten Talente Europas gilt, erwartet man Freude, Stolz, wenn nicht Euphorie. Antonio Wannek aber wird unwohl beim Gedanken an den Rummel. Der junge Mann aus Kreuzberg bleibt skeptisch gegenüber dem Ruhm, ist ein grüblerischer, ernster Typ, der von sich sagt: "Ich bin gar kein Schauspieler, sondern nur ein authentischer Darsteller." Das ist keine Koketterie. Kaum ein Schauspieler (oder eben Darsteller) seiner Generation reflektiert so kritisch seine Situation. Dabei ist seine Bilanz beeindruckend. Seit 1997 stand Antonio Wannek für zwei Dutzend Filme vor der Kamera, oft in der Hauptrolle. Nach Auftritten in Krimiserien spielte er zuletzt vor allem Kinorollen. Auf der Berlinale wird er neben Karoline Eichhorn und Peter Lohmeyer im Drama "Der Felsen" im Wettbewerb zu sehen sein. Antonio Wannek ist selbst gespannt auf den Film, weil er beim Drehen auf Korsika gemerkt hat, dass Regisseur Dominik Graf abseits der üblichen Routine arbeitete. "Ich weiß gar nicht, was er aus meinem Charakter gemacht hat. Ich musste mal hart, mal kindlich weich spielen." In jedem Fall spielt er einen undurchschaubaren Jungen, der im Resozialisierungscamp lebt. Perspektive: Gas-Wasser-Scheiße Solche Resozialisierungsprojekte hält er für wichtig: "Ich weiß, wie schnell aus Jungs ohne Perspektive Kriminelle werden." Wäre er selbst nicht von einem Regisseur in seiner Kreuzberger Gesamtschule entdeckt worden, hätte er auch nicht recht gewusst, wohin im Leben. "Erst mal Bundeswehr. Der Traum war Kfz-Mechaniker, die reale Chance Installateur für Gas-Wasser-Scheiße." Antonio Wannek kann genau beobachten, was aus seinen Schulkumpels geworden ist, wohnt immer noch im Kiez am Südstern. Der einzige Lichtblick seiner schwierigen Schulzeit war die Theater AG. Von seinem Deutschlehrer, Herrn Gerber, schwärmt er heute noch: "Er hat wirklich unser Herz geöffnet." Antonios Interesse für Schauspielerei war geweckt worden, als er mit elf einem Filmregisseur in die Arme lief und die Hauptrolle in einer ZDF-Jugendserie bekam. Doch bald kehrte er in den Alltag zurück - bis ihn mit 17 Regisseur Edward Berger erneut in der Schule entdeckte und er merkte, dass der Film seine Bestimmung war. Die Dreharbeiten für den Low-Budget-Film "Gomez - Kopf oder Zahl" hält er heute für die schönste Zeit seines Lebens: "Ich lief auf meinem Schicksalsstreifen." Er vertiefte sich so sehr in die Rolle eines Kreuzberger Jungen, dass er noch wochenlang nach den Dreharbeiten nicht wieder aus ihr herauskam. Mit seinen Auftritten nach "Gomez" war er selten zufrieden. Große Hoffnungen hatte er in die Hauptrolle von "Wie Feuer und Flamme" gesetzt. "Wenn ich, ein West-Berliner Proll, es geschafft hätte, einen Ost-Berliner Punk zu spielen, dann wäre ich wirklich ein Schauspieler. Aber ich habe die Rolle nicht geknackt." Obwohl er fühlte, dass die Rolle stolzer und härter gespielt werde müsste, habe er sich als "Schön-Punk" fürs Teenie-Publikum filmen lassen. Interviews für die BRAVO verweigerte er dann in Punk-Manier: "Fuck you!"Überhaupt beklagt Wannek den Umgang mit jungen Darstellern: "Wir spielen Hauptrollen, tragen Verantwortung für teure Dreharbeiten, aber kaum einer kümmert sich um uns. Wir müssen einfach funktionieren." Gern würde er sich mit einem Schauspiel-Coach vorbereiten, mehr Technik einsetzen können, um nicht stets sein ganzes Herz in eine Figur zu stecken. "Das halte ich auf Dauer nicht durch." Sein Privatleben habe er nie in die Reihe bekommen, gerade hat sich seine Freundin von ihm getrennt. Seine Perspektive sieht er nicht nur in Deutschland. Er hat an seinem Englisch gearbeitet, auf Festivals Kontakte zu Regisseuren in Fernost geknüpft und Angebote bekommen. Im Sommer will Antonio Wannek erstmals hinter die Kamera treten. Er plant eine Dokumentation über todkranke Kinder, die noch mal auf große Reise gehen.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Antonio Wannek auf dem U-Bahnhof Südstern. In seinem Kiez ist er geblieben, beruflich sucht er noch nach Zielen.