Elend und Krieg hat es auf der Welt (fast) immer gegeben. Warum kommen so viele Flüchtlinge gerade jetzt zu uns?

„Jetzt“ ist eine relative Größe. Von den Flüchtlingen, die heute in Libyen oder Tunesien oder an der türkischen Ägäisküste auf eine Gelegenheit zur Überfahrt nach Italien oder Griechenland und damit in die EU warten, haben die meisten schon vor vielen Monaten oder gar Jahren ihre Heimat in Ländern wie Eritrea oder Nigeria, Afghanistan oder Syrien verlassen. Dass gerade im Spätsommer so viele Flüchtlinge hier ankommen, hat nicht zuletzt mit dem Klima in den nördlichen Breiten zu tun: Ehe die kalten Herbsttage beginnen, müssen sie am Ziel sein. Das treibt die Menschen zur Eile an.

Was ist 2015 anders als noch 2014 oder 2013?

In mehreren Ländern haben sich Bürgerkriege weiter zugespitzt: In Afghanistan, wo die Taliban nach dem Abzug eines Großteils der Nato-Truppen weiter an Boden gewinnen. Im Irak und in Syrien, wo mit dem Islamischen Staat (IS) ein neuer Akteur in die Kämpfe eingegriffen hat mit einem Maß an Brutalität, das es vorher nicht gegeben hatte. Im Südsudan, wo selbst der jetzt ausgerufene Waffenstillstand zwischen der Armee des Präsidenten Salva Kiir und der seines ehemaligen Stellvertreters Riek Machar nicht wirklich Hoffnung auf Frieden aufkeimen lässt. So erscheint Flucht auch Hunderttausenden Menschen als letzter Ausweg, die bislang noch in der Heimat ausharrten.

Zwischen Juni und August wurden monatlich jeweils mehr als 30.000 Flüchtlinge in Deutschland neu registriert, die Zahl für September wird noch weit höher ausfallen. Hört das irgendwann wieder auf?

Auf absehbare Zeit: Nein. Allein in Libyen warten nach italienischen Angaben bis zu eine Million Menschen auf eine Chance, ein Boot nach Europa zu besteigen. Im Libanon leben 1,2 Millionen, in Jordanien mehr als 600 000, in der Türkei mehr als 1,7 Millionen Flüchtlinge aus Syrien, innerhalb des Landes gibt es mehr als sechs Millionen Binnenvertriebene. Wie viele von ihnen versuchen werden, sich bis Europa und gegebenenfalls bis Deutschland durchzuschlagen, lässt sich nicht absehen.

Dass die Flüchtlinge nicht in Ungarn bleiben wollen, kann man verstehen. Aber warum bleiben sie nicht in Österreich?

Der Eindruck trügt, auch Österreich nimmt viele Menschen auf. Bis Ende August wurden in Österreich 46.000 Asylanträge registriert, in Deutschland 257.000. Gemessen an der Größe der Bevölkerung – in Deutschland leben rund 82 Millionen Menschen, in Österreich nur achteinhalb Millionen – hat das Nachbarland seit Januar also fast doppelt so vielen Flüchtlingen ein Obdach geboten.

Könnte der Zustrom nach Europa und damit auch nach Deutschland wenigstens kurzfristig abschwellen?

Ja – wenn auch noch nicht jetzt. Zum Jahresende hin könnte sich die Zahl der Menschen, die es bis Europa, bis Deutschland schaffen, tatsächlich verringern. Denn mit dem Ende des Sommers, mit dem Beginn der Herbststürme wächst das Risiko enorm, auf der Überfahrt nach Lampedusa oder auch nur von der türkischen Küste nach Kos oder Lesbos Schiffbruch zu erleiden. Doch im Frühjahr, sobald sich das Wetter bessert, könnte es mit neuer Wucht wieder losgehen.

War diese Zuspitzung absehbar?

Ja. Flüchtlingshilfswerke warnen seit vielen Jahren davor. Was die Flucht über das Mittelmeer in Richtung Italien betrifft, erkaufte sich die EU in den Nuller-Jahren noch einmal Zeit, indem sie einen Deal mit Libyens damaligem Machthaber Muammar al-Gaddafi schloss, der die Menschen in seinem Land festhielt. Nachdem er unter tatkräftiger Mithilfe von Nato-Staaten wie Frankreich und Großbritannien gestürzt wurde, sind die staatlichen Strukturen in Libyen weitgehend zerfallen, und niemand hält dort die Flüchtlinge mehr auf.

Hat es eine vergleichbare Massenflucht in der jüngeren Geschichte schon einmal gegeben?

Was die Zahl der Betroffenen betrifft, gab es schon weit größere Fluchtbewegungen. Im Kontext des Zweiten Weltkriegs flohen 30 Millionen Menschen aus ihrer angestammten Heimat oder wurden von dort vertrieben. Die zwölf bis 14 Millionen deutschen Vertriebenen waren nur ein Teil von ihnen. Die Teilung Britisch-Indiens in die beiden neuen Staaten Indien und Pakistan 1947 führte zur Vertreibung von 14 Millionen Menschen innerhalb weniger Wochen.

Während des Unabhängigkeitskrieges in Bangladesch 1971 waren sogar 40 Millionen Menschen zeitweilig auf der Flucht. Aus Afghanistan flohen in den 90er-Jahren rund sieben Millionen Menschen, von denen die meisten in Lagern in Pakistan und im Iran Aufnahme fanden. Und um auf Europa zurückzukommen: Die jugoslawischen Sezessionskriege in den 1990er Jahren ließen schätzungsweise eine halbe Million Menschen ins europäische Ausland fliehen, eine weitere Million fand in Serbien Zuflucht.

Ließe sich die Massenflucht stoppen, wenn man – wie Ungarn an der Grenze zu Serbien – Zäune errichtete und die Kontrollen verschärfte?

Kurzfristig vielleicht, denn die Flüchtlinge und die Schlepper müssten dann neue Wege erschließen. Seit Spanien die Marinepatrouillen in der Straße von Gibraltar verstärkte und an seinen afrikanischen Exklaven Ceuta und Melilla stacheldrahtbewehrte Zäune errichtete, die noch deutlich höher sind als die an der ungarischen Grenze, kommen über diese Route sehr viel weniger Menschen illegal nach Europa. Doch so wie sich damals die Fluchtwege verlagerten – erst über Lampedusa und nun immer mehr über die griechischen Inseln – würden sich wohl auch dann die Flüchtlinge andere Wege suchen. Mit noch höherem Risiko, ihr Leben zu verlieren.