BERLIN, 15. Mai. Als der Vertreter der Nebenklage im "La Belle"-Prozess, Andreas Schulz, am Dienstag das Berliner Landgericht betrat, brauchte er sich um mangelnde Aufmerksamkeit nicht zu sorgen. Über die Presse hatte er ankündigen lassen, dass er in dem Verfahren um den Bombenanschlag auf eine Berliner Diskothek den Antrag stellen werde, den außenpolitischen Kanzlerberater Michael Steiner als Zeugen zu laden. Ein Fernschreiben soll beweisen, dass der libysche Revolutionsführer Muammar Gaddafi gegenüber dem Kanzler-Vertrauten zugegeben habe, den Befehl für den Anschlag erteilt zu haben.Vor dem Landgericht beantragte der Anwalt zwar Steiners Vorladung, doch das Fernschreiben legte er den Richtern nicht vor. Sein Anwaltskollege Axel Hodok begründete dies mit der Sorge, die Bundesregierung könne das Papier als Staatsgeheimnis betrachten. Man wolle sich nicht dem Verdacht des Geheimnisverrats aussetzen, sagte er der "Berliner Zeitung". In Gesprächen mit dem Auswärtigen Amt will Hodok nun zu einer Vereinbarung kommen, die eine gefahrlose Vorlage des Fernschreibens ermöglicht.Telex aus Washington Das Telex der deutschen Botschaft in Washington an das Auswärtige Amt berichtet von einem Treffen zwischen US-Präsidenten George W. Bush und Kanzler Gerhard Schröder, an dem auch Steiner teilgenommen hat. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zitierte aus dem Telex: "Ministerialdirektor Steiner berichtete über seine Gespräche mit Gaddafi in Libyen. Dieser habe eingestanden, dass sich Libyen an terroristischen Aktionen (La Belle, Lockerbie) beteiligt habe. " Ein Satz, der Fragen aufwirft. So geht aus ihm nicht hervor, wer die Anschläge La Belle und Lockerbie genannt hat; ob es sich um eine Äußerung Gaddafis handelt oder vielmehr um eine Interpretation Steiners oder der deutschen Botschaft. Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye teilte jedenfalls mit, dass bei dem Gespräch zwischen Steiner und Gaddafi "über Einzelfälle aus der Vergangenheit nicht gesprochen wurde". Auch aus Libyen kam ein Dementi. Entsprechende Berichte seien "Teil einer Kampagne gegen Libyen", hieß es aus dem Außenministerium. Man könne sich nicht vorstellen, dass Steiner etwas Derartiges gesagt habe. Das Gericht wird wohl nicht umhin kommen, Steiner zu laden. Ob er erscheinen wird, hängt aber davon ab, ob die Regierung ihm eine Aussagegenehmigung erteilt.Die Anwälte sind verärgert. "Wir fühlen uns hinters Licht geführt", sagte Hodok. Neben der strafrechtlichen Verantwortung geht es um Schmerzensgeld. In dem Antrag von Schulz heißt es, es stimme nachdenklich, dass die Bundesregierung ein rechtskräftiges Urteil abwarten wolle, um sich bei der libyschen Regierung für die Interessen der Opfer einzusetzen. Man dürfe über die Interessen der Opfer nicht "mit Unterdrücken von Tatsachen hinweggehen", so Hodok.Verstimmt reagierte auch die Staatsanwaltschaft. Anklagevertreter Detlev Mehlis sagte, er wisse nichts von einem Telex. Sollte es beim Auswärtigen Amt vorliegen, seien Steiner und der deutsche Botschafter als Zeugen zu hören. Es wolle ihm allerdings "nicht so recht in den Kopf, dass man solche Informationen den Ermittlungsbehörden und dem Gericht unterschlägt", so Mehlis. Für Hans-Joachim Ehrig, der in dem Prozess auch Opfer vertritt, ist klar: "Nun ist die Bundesregierung in der Pflicht, ihre Kenntnisse dem Gericht zu offenbaren. "Der Prozess schleppt sich dahin // Am 5. April 1986 detoniert in der Berliner Diskothek "La Belle" ein mit Eisenteilen durchsetzter Sprengsatz. Drei Menschen kamen dabei ums Leben, rund 200 wurden verletzt.Als Vergeltung bombardieren die USA am 15. April 1986 die libyschen Städte Tripolis und Bengasi. Nach libyschen Angaben starben 37 Menschen bei dem Bombardement.Seit 1997 stehen in Berlin fünf Angeklagte vor Gericht. Die Anklage geht davon aus, dass der libysche Geheimdienst Drahtzieher der Tat war. Ein Angeklagter legte ein Geständnis ab.DPA/ROLAND HOLSCHNEIDER Die Baupolizei untersucht die zerstörte Diskothek La Belle zwei Tage nach dem Bombenanschlag im April 1986.