FRIEDRICHSHAIN. Über das angekündigte schöne Wetter können sich viele Anwohner rund um die Simon-Dach-Straße nicht so richtig freuen. Sie hätten es lieber nass und kalt. Weil in lauen Sommernächten unter ihren Fenstern Hunderte Biergarten-Gäste bis in die Morgenstunden feiern. Jetzt droht eine Bürgerinitiative dem Bezirksamt mit Klage. Martina Schneider* gehört zu dieser Initiative. Sie wohnt seit mehr als zehn Jahren in der Simon-Dach-Straße, die in Reiseführern als Szenetipp empfohlen wird. "Als Mitte der 90er-Jahre die ersten Kneipen öffneten, haben wir uns gefreut", sagt Schneider. Doch jedes Jahr wurden es mehr. Mehr Kneipen, mehr Besucher, mehr Autos, mehr Busse. Auf knapp 190 Metern dieser Straße gibt es mittlerweile 18 Kneipen. Mehr als tausend Sitzplätze bilden einen riesigen Biergarten. Zwischen Revaler Straße und Frankfurter Allee, zwischen Gärtner- und Mainzer Straße hat die Bürgerinitiative 110 Kneipen mit über 3 300 Biergartenplätzen gezählt. "Wir warnen seit Jahren davor, dass der Kiez umkippt", sagt Martina Schneider. Doch die Ämter, die darauf achten müssten, dass vorgeschriebene Lärmwerte eingehalten werden und dass im Wohngebiet auch gewohnt werden kann, schmückten sich lieber mit dem Image des "Szenekiezes". Selbst als im vergangenen Jahr in einer Wohnung nachts Lärmpegel gemessen wurden, die es sonst nur auf einem Flugplatz gibt, geschah nichts. Nach der Klage-Drohung wird man jetzt im Rathaus aktiv. Als Erstes sollen jene 29 Kneipen Besuch vom Amt bekommen, die einen Biergarten ohne Genehmigung betreiben. Und: "Wir werden bis Ende August allen Wirten mitteilen, dass sie nur noch bis 22 Uhr draußen bedienen dürfen", sagt Sozialstadträtin Kerstin Bauer (PDS). Jeder Wirt könne dann eine Sondererlaubnis für einen längeren Ausschank beantragen, das werde überprüft. Wirt Nico vom "Hundertwasser", dessen Familie sechs Gaststätten im Kiez betreibt, hält das für Schikane. Vor zwei Jahren hatte er vergeblich versucht, eine Gemeinschaft der Wirte zu gründen, die sich mit den Anwohnern verständigt. "Warum soll ich für meinen Nachbarn büßen, wenn es bei mir gar keine Beschwerden gibt", fragt er. Die Gäste werden ausbleiben, wenn sie nach 22 Uhr nicht mehr draußen sitzen dürfen, fürchtet er. Lärmprobleme gab es vor Jahren auch rund um den Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg. Doch dort hat die Klageflut nachgelassen. "Wenn sich jemand beschwert, holen wir Wirt und Anwohner ins Amt, die müssen sich dort auf einen Kompromiss einigen", sagt Umweltstadtrat Matthias Köhne (SPD).(*Name geändert)Verordnung schützt die Anwohner // Die Verordnung: Die Berliner Lärmverordnung sieht vor, dass "der Anspruch der Nachbarn grundsätzlich Vorrang hat vor dem wirtschaftlichen Interessen des Gastwirts".Die Verordnung: Für die Lautstärke in Wohngebieten gibt es bundesweite Richtwerte. Tagsüber sollte der Lärm- pegel 55 und nachts 40 Dezibel nicht überschreiten. Das entspricht am Tag dem Geräusch einer angeregten Debatte bzw. in der Nacht einer ruhigen Wohnung.Foto: BLZ/PAULUS PONIZAK Treffpunkt Simon-Dach-Straße: In den Straßencafés lässt es sich gut feiern.