FRIEDRICHSHAIN. Wer in diesem Sommer im Friedrichshainer Kiez abends gemütlich vor einer Kneipe sitzen möchte, sollte sich seinen Sitzplatz vorher genau aussuchen. Die Wirte in der Simon-Dach-Straße müssen um 22 Uhr ihre Tische und Stühle vom Gehweg räumen. Dagegen dürfen die Kneipiers benachbarter Straßen ihre Gäste eine Stunde länger im Freien bedienen. In einigen Lokalen gilt sogar open end. Zugegeben, es ist eine kuriose Situation. Aber gewollt. Von den Anwohnern. An vier Abenden haben Bewohner des Kiezes östlich der Warschauer Straße mit den Wirten diskutiert. Über Lärmschutz und Kneipenöffnungszeiten. Der Bezirk hat diese Treffen angeregt, um eine "nachbarschaftliche Regelung zu finden", wie Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) sagt. Die fand man auch. In drei Quartieren konnten sich Anwohner und Wirte einigen. So dürfen die Wirte in der Sonntagstraße und am Lenbachplatz draußen bedienen, ohne auf die Uhr schauen zu müssen. Bedingung: Ab 22 Uhr müssen die Gäste leise sein. Die gleiche Regelung haben auch die Anwohner der Niederbarnimstraße für die dortigen Kneipen getroffen. Auch am Boxhagener Platz dürfen Gäste in diesen Sommer bis 23 Uhr draußen sitzen, freitags und sonnabends sogar bis Mitternacht. Dafür verpflichten sich die Wirte, ihre Gäste aufzufordern, leise zu sein. Wer Krach macht, wird weggeschickt. Tische und Stühle wollen die Wirte nachts leise zusammenstellen, Beschwerden von Anwohnern ernst nehmen. In jedem Lokal soll es einen Ansprechpartner für Beschwerden der Anwohner geben. Doch Boxhagener Platz und Sonntagstraße sind nicht das Problem. Dort gab es in der Vergangenheit kaum Beschwerden von Anwohnern über nächtlichen Kneipenlärm. Das sensible Gebiet ist die Simon-Dach-Straße, wo auf engstem Raum viele Kneipen existieren. Viele, aber nicht alle Anwohner sind dagegen, dass nach 22 Uhr noch in den Vorgärten der Simon-Dach-Straße ausgeschenkt wird. Im vergangenen Jahr eskalierte der Streit zwischen Anwohnern und Wirten. Wegen einiger Vorfälle im Kiez wie verklebte Schlüssellöcher und ein angezündeter Kinderwagen, will sich kein Gegner des nächtlichen Ausschanks mit Namen und Adresse outen. Es wird anonym geschimpft. Selbst die Bürgeriniative "Die Aufgeweckten" lässt Stellungnahmen nur über ihren Anwalt ausrichten. Diese angespannte Situation wolle Stadtrat Schulz mit den Gesprächen entspannen. Doch die Anwohner wollen ihre Ruhe ab 22 Uhr. Baustadtrat Schulz wird deshalb den Wirten auf dem besonders sensiblen Teil der Simon-Dach-Straße zwischen Grünberger und Wühlischstraße nur erlauben, bis 22 Uhr draußen zu bedienen. Dagegen könnten Kneipen außerhalb des Problemgebietes auf Antrag eine Genehmigung bis 23 oder 24 Uhr erhalten. In einem halben Jahr soll es eine neue Gesprächsrunde zwischen Wirten und Anwohnern geben. Die Wirte der Simon-Dach-Straße wollen nicht so lange warten. Für sie ist die jetzige Lösung keine Lösung. "Es kann nicht sein, dass alle Wirte bestraft werden, weil sich ein paar Anwohner nicht mit dem Kneipenbesitzer in ihrem Haus einigen können", sagte ihr Sprecher Michael Näckel. Für die Industrie- und Handelskammer ist die 22-Uhr-Regelung kein Kompromiss. Ursula Luchner-Brock befürchtet, die uneinheitliche Regelung im Kneipengebiet führe zu neuen Unruhen und Unzufriedenheit.Draußen sitzen, solange man will // Vier Kneipenviertel sind in den vergangenen Jahren östlich der Warschauer Straße entstanden.Simon-Dach-Straße: Im Abschnitt zwischen Wühlisch- und Grünberger Straße gibt es 24 Kneipen und Restaurants mit Schankvorgärten. Im Vorjahr wurden dort unzulässig hohe Lärmwerte gemessen. Das Bezirksamt legte fest, um 22 Uhr die Vorgärten zu schließen. So wird es auch kommende Saison sein.Boxhagener Platz: Dort gibt es zurzeit 25 Kneipen. Sie liegen aber nicht so dicht beieinander und dürfen bis 23 Uhr bzw. 24 Uhr draußen öffnen.Niederbarnimstraße: 17 Kneipen und Lokale mit Schankvorgarten befinden sich dort. Es gilt Open End.Sonntagstraße/Lenbachplatz: Dort befinden sich 13 Kneipen, die zeitlich unbegrenzt draußen bedienen dürfen.BLZ/RITA BÖTTCHER Die Simon-Dach-Straße hat die größte Kneipendichte in der Stadt. BERLINER ZEITUNG/PABLO CASTAGNOLA Die ersten Gäste sitzen schon vor den Kneipen der Simon-Dach-Straße. Doch ab 22 Uhr ist künftig Schluss damit.