FRIEDRICHSHAIN. Ein Ausweg aus dem Streit im Kneipenkiez rund um die Simon-Dach-Straße ist nicht in Sicht. Ein Gespräch zwischen Anwohnern und Gastwirten kommt bislang nicht zu Stande. Die Anwohner, die sich jahrelang vergeblich bemühten, ernst genommen zu werden mit ihrer Kritik über nächtlichen Kneipenlärm, pochen jetzt auf ihr Recht: Um 22 Uhr, fordern sie, soll Ruhe herrschen auf den mehr als 3 000 Biergartenplätzen des Wohnviertels. Dieses Verlangen wollen sie wenn nötig auch vor Gericht durchsetzen. Bis zum 27. August bleibt Bezirk und Gastwirten Zeit, die Klage abzuwenden.Doch niemand weiß im Moment, wie das gehen soll. Der für den Lärmschutz zuständige Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) weiß, dass die Anwohner vor Gericht erfolgreich wären. Für Schulz ist die Situation schwierig. Auf der einen Seite hält er die Kritik der Bewohner für berechtigt. Andererseits fürchtet er mit den Wirten, die Besucher könnten ausbleiben, wenn die Biergärten nur noch bis 10 Uhr abends geöffnet sind: "Mir liegt am Herzen, eine Regelung zu finden, die sich absetzt von der 22-Uhr-Regelung", sagt er. Deshalb will Schulz beide Seiten noch vor dem 27. August ins Gespräch bringen. Eine schwierige Aufgabe. Denn worüber soll geredet werden? Die Wirte sehen sich mit dem angedrohten Schankschluss um 22 Uhr wirtschaftlich in die Enge getrieben. Auch die vom Bezirk vorgeschlagene Schließzeit von 22.30 Uhr ist für sie nicht akzeptabel. Und die lärmgeplagten Mieter wollen überhaupt nicht mehr über Kompromisse reden, die dann doch nicht eingehalten werden, wie es bislang war. In den Konflikt hat sich jetzt die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin eingeschaltet. "Wir bieten an, dass sich beide Seiten mal ansehen, wie man es anderswo gemacht hat", sagt Jochen Brückmann, der IHK-Bereichsleiter für Gastgewerbe und Tourismus. So hätten so genannte Clearinggespräche zwischen Anwohnern und Wirten etwa am Savignyplatz in Charlottenburg und am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg für mehr Ruhe und Zufriedenheit gesorgt. Die neue Gemeinschaft der Wirte hat sich jetzt schnell Lärmschutzmaßnahmen ausgedacht. "Wir wollen die Tische nachts nicht mehr mit laut rasselnden Ketten zusammenschließen, sondern Draht nehmen", sagt Sprecher Ayhan Aslan. Zudem werde man ab 20.30 Uhr keine Musikanten mehr dulden, auf die nächtliche Müllentsorgung verzichten und überall auf Schildern um mehr Rücksichtnahme werben. Damit hoffen sie die Anwohner friedlicher stimmen zu können. Ein ganz konkretes Angebot erhielten die Gastronomen aus Kreuzberg. Von Andreas Matthae, der nicht nur Berliner SPD-Landesvize und Bundestagskandidat ist, sondern am Oranienplatz seit einem Jahr auch eine Kneipe hat. Sein Biergarten ist in der Woche bis 23 Uhr offen. "Mieter und Wirte müssen miteinander sprechen und sich an Verabredungen halten, sonst funktioniert der Kiez nicht", sagt er. Wie das gehen kann, will Matthae den Wirten der Simon-Dach-Straße demnächst verraten.Lärm-Regelung // Die Verordnung: Die Berliner Lärmverordnung sieht vor, dass der Anspruch der Anwohner Vorrang hat vor den wirtschaftlichen Interessen des Gastwirts. In Wohngebieten gilt generell ab 22 Uhr Nachtruhe.Die Ausnahme: Wirte können eine Ausnahmezulassung für den Betrieb ihres Biergartens nach 22 Uhr beantragen. Diese wird in der Regel bis 23 Uhr sowie freitags und sonnabends bis 24 Uhr erteilt.Die Voraussetzung: Ausnahmen gibt es, wenn nach 22 Uhr der Lärmpegel den maßgeblichen Tageswert von 55 Dezibel (das entspricht einer angeregten Debatte) nicht oder nur kurzzeitig überschreitet. Das Umweltamt muss dies im Einzelfall beurteilen.