Arbeitsagentur vs. Inge Hannemann: Mutige Vermittlerin

Inge Hannemann hat deutliche Worte für ihren Arbeitgeber gefunden. „Wie viele Tote, Geschädigte und geschändete Hartz-IV-Bezieher wollen Sie noch auf Ihr Konto laden“, schrieb sie ihren Chefs in einem offenen Brief im Internet. Und das war noch nicht alles. Hannemann beklagte, „dauerkranke, frustrierte und von subtiler Gehirnwäsche geprägte“ Kollegen und einen von Willkür und Menschenverachtung geprägten Arbeitsalltag.

Solche Vorwürfe hat die Bundesagentur für Arbeit schon öfter mal gehört. Neu war, dass sie nicht von einem Erwerbslosen kamen, sondern von innen, von einer Mitarbeiterin. Und dass diese Mitarbeiterin nicht anonym agierte, sondern ihren Namen preisgab. Ein paar Wochen nach der Veröffentlichung des Briefs – Hannemann hatte vorher und nachher weitere Kritik ins Netz gestellt – stellte die Behörde die 45-Jährige frei.

Sie habe als Beraterin im Jobcenter Hamburg-Altona nicht korrekt gehandelt, war die Begründung. Hannemann, die Speditionskauffrau gelernt hatte und sich gerade zur PR-Fachfrau weiterbildet, hat dort mit schwer vermittelbaren Jugendlichen gearbeitet. Sie hat ihnen, anders als von der Behörde vorgesehen, die Leistungen nicht gekürzt, wenn sie einen Termin versäumt oder einen Job abgelehnt hatten. Manchmal hatte sie eine Sanktion sogar aufgehoben. Stattdessen hat sie lieber noch mal mit den Jugendlichen gesprochen.

Hannemann hatte vorausgesehen, dass es Ärger geben würde. Ihr sei bewusst, dass sie ihren Arbeitsplatz riskiere, hatte sie in dem offenen Brief geschrieben. Aber Menschlichkeit könne nur entstehen, „wenn aufgerüttelt wird“. Sie ist als Jugendliche auf Friedensdemonstrationen mitgelaufen. Jetzt will sie erreichen, dass Hartz IV abgeschafft wird. Sie fordert, dass die Bundesagentur ihre Mitarbeiter nicht mit Zeitverträgen anstellt, damit die nicht vor allem mit sich selbst beschäftigt sind.

Die Linkspartei und die Piraten umwerben sie. Aber in eine Partei eintreten will Hannemann nicht, die Jusos hatte sie nach ein paar Jahren verlassen, weil sie keine Lust auf Intrigen mehr hatte. Gegen ihre eigene Freistellung hat sie geklagt, am Mittwoch beginnt in Hamburg die Hauptsacheverhandlung. Einen Eilantrag hat das Gericht im Juli abgelehnt. Die Bundesagentur erklärt, Hannemann habe sich den falschen Beruf ausgesucht. Nun lebe sie persönliche politische Vorlieben aus und gefalle sich in der Rolle der Märtyrerin. Ihre Kritik sei falsch und beleidige die Jobcenter-Mitarbeiter. Die Behörde hat Hannemann inzwischen mehrere Abmahnungen geschickt, wegen angeblicher Veröffentlichung interner Dokumente. Hannemann rechnet damit, dass damit die Kündigung vorbereitet werden soll.

Der Bundesrechnungshof aber hat der Arbeitsagentur in einem internen Bericht ähnliche Vorwürfe gemacht wie Hannemann. Er hat nur etwas diplomatischere Worte gewählt.