In einer Berliner Agentur für Arbeit hat am Dienstag ein Arbeits-loser eine Mitarbeiterin mit einem Küchenmesser angegriffen und verletzt. Nach Angaben der Polizei hatte der 44-jährige Arbeitlosenhilfeempfänger Ulrich K. aus Lichtenberg gegen 11 Uhr die Agentur Ost in der Gotlindestraße betreten. Mit dem Fahrstuhl fuhr er zum Büro des Agenturleiters, wo er dessen 52-jährige Sekretärin antraf. Er stach ohne Vorwarnung mit dem Messer auf die Frau ein. Sie erlitt Verletzungen am rechten Arm. Per Knopfdruck konnte die Frau Alarm auslösen. Kollegen hielten den Mann bis zum Eintreffen der Polizei fest. Die Frau kam zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus. Nach Angaben der Polizei hatte der Mann schon vor drei Wochen mehrere Sachbearbeiter der Agentur bedroht. Als Motiv gab er an, ihm seien ungerechtfertigt Leistungen vorenthalten worden. Der Festgenommene war der Polizei zuvor noch nicht aufgefallen. Die Sprecherin der Arbeitsagentur Ost, Ute Thiede, sagte, Angriffe auf Mitarbeiter der Agentur seien sehr selten. Zwar gebe es verbale Attacken, aber im Verlauf dieses Jahres habe es noch keine körperliche Bedrohung von Mitarbeitern gegeben. Es gebe in der Gotlindestraße keinen Wachschutz und auch keine Videokameras. Bei Gefahr könne ein bedrohter Mitarbeiter per Computer Alarm auslösen. Im Übrigen setze man, auch im Hinblick auf die künftige Kooperation von Arbeits- und Sozialämtern nach Hartz IV, weiter auf eine Strategie der Konfliktvermeidung und Deeskalation durch Information und Gespräche. Die Agentur sei ein Haus der offenen Tür. "Wir sind schließlich ein Dienstleistungsunternehmen", sagte Thiede. Mit der Debatte um die Arbeitsmarktreformen habe der Angriff nichts zu tun, glaubt sie. "Es ist einer der seltenen Einzelfälle, die man leider nicht ausschließen kann."Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, hatte angesichts wütender Proteste hingegen vor wenigen Tagen die Befürchtung geäußert, die sozialen Spannungen durch Hartz IV könnten zu mehr Gewalttaten gegen Mitarbeiter der Arbeitsagenturen führen. Der Gewerkschafter forderte mehr Polizisten-Stellen zum Schutz der Agenturen. Mit zunehmender Gewaltbereitschaft rechnet auch Günther Wahrheit, Leiter des Sozialamts Friedrichshain-Kreuzberg. Fast alle Sozialämter Berlins haben seit Jahren mit wachsender Aggressivität eines Teils ihrer Kundschaft zu kämpfen. "Es gehört zum Alltag, dass Mitarbeiterinnen auf das Übelste beschimpft werden, wenn sie eine gewünschte Leistung verweigern", berichtet etwa Christian Hanke, SPD-Sozialstadtrat von Mitte. In den Amtsgebäuden in der Weddinger Müllerstraße oder der Turmstraße in Moabit komme es "immer wieder mal zu kritischen Situationen". Auch Günther Wahrheit berichtet von Drohungen. Im Neuköllner Sozialamt schlugen Jugendliche einen Pförtner zusammen, der sie zur Ordnung rief, berichtet Achim Berger, stellvertretender Personalratsvorsitzender. "Und ich rechne damit, dass solche Auschreitungen durch Hartz IV eher noch zunehmen", ist Bergers Einschätzung. Bislang jedoch warnten die Sozialexperten vor überzogener Panikmache. Repression allein nütze nichts. Die Berliner Sozialämter und die Bundesagentur für Arbeit (BA) setzen vor allem auf das Gesprächstraining für ihre Mitarbeiter. "Unsere Vermittler werden seit Jahren für die Arbeit mit schwierigen Kunden ausgebildet", berichtet BA-Sprecherin Angelika Müller. "Wir wollen nicht wegen Hartz IV flächendeckend Videokameras installieren und Selbstverteidigungskurse für unsere Mitarbeiter anbieten", sagt Müller. Der Sprecher der Regionaldirektion der Arbeitsagentur Berlin- Brandenburg, Olaf Möller, betont, dass viele Konflikte zu vermeiden seien, wenn man Arbeitslose nicht als Bittsteller, sondern als Kunden anspreche und sie ausführlich über die Gründe für eine Entscheidung informiere. Möller, Neuköllns Sozialstadrat Michael Büge (CDU) und sein Kollege Hanke betonen, dass die besten Mittel gegen Aggressionen eine gute räumliche Ausstattung, genügend und gut geschultes Personal und eine kundenfreundliche Terminvergabe sind. Hankes Erfahrung: "Wenn jemand drei Stunden auf einem dunklen Amtsflur warten musste, dann geht er schon entnervt in das Gespräch mit dem Sachbearbeiter. Dann ist der Konflikt vorprogrammiert."------------------------------"Die Attacke ist einer der seltenen Einzelfälle, die man leider nicht ausschließen kann."Ute Thiede, Arbeitsagentur Ost------------------------------Gereizte Stimmung // Mit Aggressionen haben Berlins Arbeits- und Sozialhilfeempfänger seit langem zu kämpfen. Weil Arbeitslosigkeit immer länger dauert und oft keine Hoffnung auf einen Job mehr besteht, nimmt der Frust unter den "Kunden" der Ämter zu. Meist bleibt es bei verbalen Ausfällen oder Drohungen. Zu körperlichen Angriffen auf Bedienstete kam es nach Auskunft von Berliner Arbeits- und Sozialämtern nur selten. Gemessen an der hohen Zahl der Hilfeempfänger handele es sich um Einzelfälle. Mit einem Messer bedrohte im November 2001 ein 37-jähriger Arbeitsloser den Leiter der Leistungsabteilung im Arbeitsamt Steglitz. Grund: Der Täter hatte seiner Ansicht nach zu lange auf Geld vom Amt warten müssen. Der Attackierte konnte die Polizei rufen, der Angreifer wurde später zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.Eine Arbeitsverrnittlerin des Spandauer Arbeitsamts wurde im gleichen Jahr von einem unzufriedenen Arbeitslosen mit Aschenbechern und anderen Gegenständen beworfen. Kollegen sprangen der 29-Jährigen zur Seite. Die Vermittlerin erlitt einen Schock.Ein Mitarbeiter des Spandauer Sozialamts wurde 1999 von einem jugoslawischen Asylbewerber niedergeschlagen und, schon am Boden liegend, mit Füßen getreten. Kollegen überwältigten den Angreifer.Im Sozialamt Neukölln häuften sich Ende der Neunzigerjahre Angriffe auf Bedienstete. Das Amt verschärfte die Sicherheitsmaßnahmen und installierte Videokameras auf den Amtsfluren. Die Zahl der Vorfälle wurde dadurch nach Auskunft von Sozialstadtrat Michael Büge drastisch reduziert. Mitarbeiter wurden in Deeskalationstechniken geschult, über ein Alarmsystem kann der nahe gelegene Polizeiabschnitt 54 alarmiert werden.Wachdienste patrouillieren mittlerweile in den Sozialämtern der meisten Bezirke. Die Arbeitsämter verzichteten bislang darauf. Auffällig gewordene Hilfeempfänger werden meist angezeigt und mit einem Hausverbot belegt. Die fünf künftigen "Arbeitsgemeinschaften" (Arge), die nach dem Hartz IV-Gesetz ab Januar die Arbeitslosen in Berlin betreuen sollen, entscheiden jeweils selbst, welche Maßnahmen sie zum Schutz ihrer Mitarbeiter ergreifen wollen.------------------------------Foto : Nach zahlreichen Übergriffen auf Mitarbeiter installierte das Sozialamt Neukölln Videokameras. Schilder weisen darauf hin. Die Zahl der Attacken ging zurück. Doch auch Neukölln setzt vor allem auf Deeskalation.