Nadja Potomskaya* ist mit ihrer Arbeitsstelle zufrieden. Die 53-jährige Ukrainerin ist bei einer 89-jährigen Polin als Pflege- und Haushaltshilfe angestellt. Inoffiziell. Offiziell ist sie nur zu Besuch im Nachbarland Polen. „In meiner Heimat in der Westukraine gibt es kaum Arbeit, und unsere Währung, die Hrywna, ist kaum mehr was wert“, sagt sie. Seit dem Einbruch des Hrywna-Kurses ist ein Lohn in polnischen Zloty noch attraktiver.

Potomskaya ist keineswegs ein Einzelfall. War bisher von einer Migration nach Polen die Rede, so handelte es sich in der Regel um polnische Rückkehrer. Solche also, die nach wenigen oder vielen Jahren dem Ausland den Rücken kehrten, um ihr Glück wieder in der Heimat zu suchen. Doch während die von der Politik erhoffte Rückkehrbewegung von Polinnen und Polen, die vor allem nach 2004 ins EU-Ausland zogen, gering bleibt, gewinnt mittlerweile die Einwanderung aus dem Osten immer mehr an Bedeutung. So haben polnische Unternehmen in den ersten elf Monaten 2014 rund 360 000 Arbeitserlaubnisse für ukrainische Beschäftigte beantragt. 134 000 mehr als im gesamten Jahr 2013.

Die Mehrzahl der Anträge wird von den zuständigen polnischen Behörden bewilligt, denn die Ukraine ist einer von sechs Nicht-EU-Staaten, deren Bürger in Polen einen erleichterten Arbeitsmarktzugang haben. Zu der offiziellen Zahl sind etliche Menschen hinzuzurechnen, die ohne Papiere arbeiten – nicht wenige klagen darüber, dass sie von den polnischen Unternehmen ausgenutzt werden.

Pflegerin und Haushaltshilfe Potomskaya zählt nicht dazu, dennoch will sie in die Ukraine zurückkehren, wenn ihr Visum ausläuft. Allerdings nur, um ein neues zu beantragen und wiederzukommen. „Letztes Mal war die Schlange vor der Visum-Stelle 200 Meter lang“, berichtet sie.

Potomskaya ist nur ein Beispiel dafür, dass die ukrainische Arbeitsmigration nach Polen immer mehr der polnischen Erwerbswanderung in andere EU-Staaten ähnelt. Die meisten Ukrainer arbeiten in der Landwirtschaft sowie im Bau- und Produktionsgewerbe. „Sie nehmen den Polen eher nicht die Arbeit weg, sondern füllen eine Lücke auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Ewa Wolkanowska-Kolodziej von der Internationalen Organisation für Migration (IOM). „Arbeit in der Landwirtschaft oder bei Haushaltsdienstleistungen, die Ukrainer häufig verrichten, ist für Polen wenig attraktiv und zu gering entlohnt.“ Ein Befund, der analog auch die Realität der Polen auf dem deutschen Arbeitsmarkt widerspiegelt.

Deutschland wird zum Hauptziel

Angesichts der geringen Rückkehrbereitschaft polnischer Migranten und der niedrigen Geburtenrate wächst in der polnischen Politik das Bewusstsein, dass das Land eine Migrationspolitik nach westlichem Muster braucht, die ihr Hauptaugenmerk auf einwandernde Ausländer legt. Bereits im Jahr 2014 trat daher ein neues Gesetz in Kraft, das Migranten aus Drittstaaten den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern soll. Im vergangen Dezember hat die polnische Regierung zudem ein Strategiedokument beschlossen, das unter dem Titel „Polnische Migrationspolitik“ eine gezieltere Anwerbung ausländischer Studenten und Arbeitsmigranten mit gefragten Berufen anvisiert.

Maßnahmen für eine größere Attraktivität scheinen angebracht, denn die teils gut ausgebildeten polnischen Migranten ziehen nicht nur wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit von derzeit 23 Prozent bei den 16- bis 24-Jährigen in den Westen, sondern auch wegen der geringeren Löhne in Polen. Sie liegen im Durchschnitt bei umgerechnet knapp 1000 Euro brutto, rund die Hälfte der Bevölkerung verdient sogar nur 800 Euro und weniger. Hinzu kommen die zunehmenden prekären Dienst- und Werkverträge, die reguläre Arbeitsverhältnisse verdrängen. Auch eine Binnenwanderung in wirtschaftlich prosperierende Regionen Polens kommt für viele nicht infrage, es gibt keinen funktionierenden Mietmarkt für Wohnungen. All dies verleitet laut einer Umfrage vom November 2014 jeden fünften Befragten in Polen, eine Arbeitsmigration ins Ausland zu erwägen.

Als Ziel nimmt der Nachbar Deutschland dabei eine immer wichtigere Rolle ein. Die Bundesrepublik ist im Begriff, Großbritannien den Spitzenplatz als beliebtestes Zielland abzulaufen. Auf den Inseln leben und arbeiten etwa 650.000 Polen temporär oder dauerhaft, in Deutschland waren es 2013 rund 560.000 Personen – damit sind nur jene gezählt, die trotz Auslandsaufenthaltes weiterhin in Polen gemeldet sind. Die deutsche Beliebtheit steigt auch deshalb, weil sich das Land durch seine geografische Nähe auch für das permanente Leben in zwei Staaten eignet.

Aleksander Szostok ist einer der vielen Pendelmigranten. Der 41-Jährige lebt seit acht Jahren in Berlin. Er hat ein Gewerbe angemeldet, renoviert und baut Wohnungen aus. „Ich bin nach Berlin gezogen, weil ich in Polen nicht genügend verdienen konnte“, sagt der zweifache Vater, der ursprünglich Physiotherapeut gelernt hat. Jeden Freitag fährt er ins 500 km entfernte Katowice in Südpolen. Und am Sonntagabend wieder zurück. „Diese Arbeits- und Lebensweise funktioniert für mich und ist praktisch. Dauerhaft in Polen arbeiten will ich nicht, weil ich dann wieder von null anfangen müsste“, sagt er.

Ob die hohe Zahl polnischer Migranten Polen eher Vor- oder Nachteile bringt, darüber sind die Experten uneins. Positiv bewertet werden etwa die Rücküberweisungen ins Land und angesichts der hohen Arbeitslosigkeit die Funktion der Migration als soziales Ventil. Kritiker hingegen sprechen von einer perspektivlosen Generation oder den Euro-Waisen – bei den Großeltern zurückgelassenen Kindern – und davon, dass inländische Investitionen in Bildung verloren gehen, weil viele Polen im Ausland unterhalb ihrer Qualifikation arbeiten.

Auf Małgorzata Lorenc trifft dies jedoch nicht zu. Seit 2005 lebt die 37-Jährige mit ihrem polnischen Mann in Dublin und will dort bleiben. „Meine negativen Erfahrungen in Irland kann ich an einer Hand abzählen“, berichtet die Chemikerin. Seit sechs Jahren arbeitet sie in ihrem Beruf als Laboranalystin in einem Pharmaunternehmen. Diskriminierungen hätten weder sie, noch ihr Mann, der als Altenpfleger arbeitet, erfahren. „Wir haben viele Kontakte zu Iren, ehrlich gesagt, es fiele uns schwer, uns nicht zu integrieren“, konstatiert Lorenc, die sich vorgenommen hat, irgendwann ein Haus in Irland zu kaufen.

„Es wird besser in Polen“

Ihr Bruder Rafał Prandzioch arbeitet ebenfalls seit zehn Jahren in Irland – doch seine Perspektive heißt Polen. Der alleinstehende Mann baut und wartet Hochspannungsleitungen und Energienetze, stets für den gleichen Arbeitgeber. Mit den 17 Euro Bruttolohn pro Stunde ist er zwar zufrieden, dennoch fühlt er sich bei den Iren nicht heimisch. Seine Wohnung teilt er mit polnischen Kollegen. „Ich bin mindestens einmal im Monat in Polen, und wenn es hier in Irland irgendwann zu Ende geht, werde ich in der Heimat etwas beginnen, denn es wird besser in Polen“, sagt der 32-Jährige. Mit seinem Ersparten will er in ein paar Jahren als Franchisenehmer ein Restaurant eröffnen, erklärt er.

Paweł Kaczmarczyk vom Warschauer Zentrum für Migrationsstudien gehört zu jenen, die die polnische Migration positiv bewerten. „Die Tatsache, dass so viele ins Ausland migrieren, ist ein Wert an sich, denn es zeigt, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen können“, sagt der Migrationsforscher.

Mit einer Prognose zur zukünftigen Migration tut sich Kaczmarczyk schwer. Sowohl die Auswanderung von Polen als auch die Einwanderung von Ausländern nach Polen seien kaum prognostizierbar. „Allerdings ist Polen insgesamt im Vergleich mit dem Westen kein attraktives Zielland“, erklärt er. Daher setzt das Land in Sachen Einwanderung auf traditionelle historische Verbindungen. Und die führen vor allem in den Osten.

*Name von der Redaktion geändert