In den Siebzigerjahren war eine kleine Plattenbauwohnung in Moskau Pilgerziel für Kunstliebhaber aus aller Welt. Ein schier unfassbarer Schatz war hier angehäuft. Dicht an dicht wie Briefmarken hingen an den Wänden die bedeutendsten Bilder der russischen Avantgarde. Von der Decke baumelte eine Konstruktion Alexander Rodtschenkos - das einzige original erhaltene Objekt seiner Art. Und in den Schränken lagerten Tausende von Zeichnungen und Grafiken. Edward Kennedy und David Rockefeller waren da, Glenn Gould und Strawinsky, Alfred Barr vom Museum of Modern Art oder Marc Chagall.Costakis' Gastfreundschaft war sprichwörtlich, niemand wurde abgewiesen, und die Tochter Aliki erzählt, dass seit den späten sechziger Jahren an Privatheit nicht mehr zu denken war. Die Familie lebte in einem Museum der Avantgarde, die als Privatbesitz zwar geduldet, aber von Stalins Kunstdiktatur in den frühen dreißiger Jahren aus den öffentlichen Ausstellungshäusern in die Depots verbannt war. Mit missionarischem Eifer kämpfte Costakis für die Rehabilitierung der Künstler, die vor und nach der Oktoberrevolution ihre Visionen und Utopien in radikal neue Formen umsetzten.Der Grieche, der 1912 als Sohn eines eingewanderten Tabakkaufmanns in Moskau geboren wurde, hier den größten Teil seines Lebens verbrachte und 1990 in Athen starb, ist heute eine Legende der Kunstgeschichte. Vieles hätte ohne seine Besessenheit nicht überlebt. Der Martin-Gropius-Bau ist nun Station einer Ausstellung, die Costakis' Erbe vorführt und seiner Mission huldigt. Es ist nicht das erste Mal, dass die Sammlung auf Reisen geht; nach Costakis' Emigration im Jahr 1977 zogen seine Werke im Triumphzug durch die westliche Welt und kündeten von einer lange verschütteten Kunst, von der man zwar die Zentralfiguren Malewitsch, Rodtschenko oder Kandinsky kannte, nicht aber die Fülle noch zu entdeckender Künstler um sie herum.Costakis verließ die Sowjetunion, weil er in den Fokus des KGB geraten war. Es gab mehrere Einbrüche in der Wohnung, Drohungen am Telefon, schließlich zündeten Unbekannte seine Datscha an, in der Hunderte von ausgelagerten Werken verbrannten. Nach langen Verhandlungen konnte Costakis mit einem Teil seiner Sammlung ausreisen, den Rest (800 Werke) musste er dem Staat "schenken".Nach langen Verhandlungen kaufte der griechische Staat 2000 die Kollektion und gründete dafür das Museum für zeitgenössische Kunst in Thessaloniki. Die Berliner Ausstellung ist jetzt der erste internationale Auftritt von der neuen Heimat aus. Von seinen 1275 Objekten hat Thessaloniki rund 300 ausgewählt. Unverkennbar ist der Wunsch des jungen Museums, nicht einfach in einer Parade von Höhepunkten zu schwelgen, sondern seinen Auftrag als Forschungsstätte der russischen Avantgarde zu manifestieren. So tritt der Sammler leider fast ganz in den Hintergrund - mehr als eine Schrifttafel und ein Foto der Moskauer Wohnung werden nicht geboten. Stattdessen schlugen die Kuratoren thematische Schneisen durch den Dschungel der Strömungen und Verflechtungen, was bei einer großenteils abstrakten Kunst naturgemäß nicht ganz einfach zu konsumieren ist.Als zentrale Kategorien dienen Licht und Farbe, deren Bedeutung für die russische Avantgarde in zehn Kapitel nachgespürt wird. Leichte Kost für den Besucher ist das nicht, denn Schlagworte wie "Selbstleuchtendes" oder "Vorherrschaft der Farbe" passen auf fast alle der gezeigten Werke. Durch die synchrone Erschließung der Sammlung trübt sich die Entwicklungsgeschichte, die zentralen Künstlerpersönlichkeiten und ihre Nebenmeister verschwimmen. Vor allem der politische Kontext, die Sehnsüchte der Oktoberrevolution und später die schleichende Verstrickung vieler Künstler in die stalinistische Diktatur geht weitgehend verloren.Faszinierend bleibt dagegen die Vielfalt der Ansätze und der Reichtum an unbekannteren Künstlern, wie ihn selbst die russischen Museen so nicht vorführen können. "Du hast ein wertloses Bild? Bring es zum verrückten Griechen", hieß es in Moskau, als Costakis 1946 begann, die Werke der damals verbannten russischen Avantgarden aufzuspüren. Die "wertlosen Bilder" waren suprematistische Kompositionen von Malewitsch und seinen Jüngern, konstruktive Entwürfe und Reliefs von Tatlin oder Textilstudien von Ljubow Popowa. Ein gestisches Bild von Rodtschenko, das prophetisch das Nachkriegsinformel vorwegnimmt, fand er bei den Erben als Tischtuch, eine Tafel von Popowa als Fensterabdichtung. Costakis, der 35 Jahre als Verwaltungsangesteller an der kanadischen Botschaft arbeitete und dort wertvolle Dollars verdiente, feilschte nie, in der Furcht, die Verkäufer gegen sich aufzubringen.Heute wandert man - Kuratorenmystik hin oder her - staunend durch diese Kunstarche. Da ist der geniale Rodtschenko, ein moderner Leonardo, der mit seinen minimalistischen Kompositionen ebenso begeistert wie mit seinen abstrakten Expressionismen lange vor der New York School. Man staunt über den patchworkartigen Pawel Filonow, den strengen Malewitsch-Adepten Iwan Kljun, die Farbmystikerin Xenia Ender, die Bildtraktate von Gustav Kluzis oder Popowas visionäre Textilentwürfe. Man muss wohl bis zur Frührenaissance in Florenz zurückgehen, um auf eine ähnlich dichte und fruchtbare Kunstrevolution zu stoßen. Die russischen Avantgardisten träumten von einem neuen Zeitalter, und für einen kurzen historischen Moment sah es so aus, als seien Kunst und die Verwirklichung der Utopien tatsächlich eins geworden.Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, bis 10. Januar. Mi- Mo 10-20 Uhr. Katalog 36 Euro. Heute Abend um 19 Uhr sprechen die Tochter Aliki und einige Kunsthistoriker über Costakis und die russische Avantgarde.------------------------------Foto: George Costakis in seiner Moskauer Wohnung zu Beginn der Siebzigerjahre. An der Decke die einzige original erhaltene Hängeskulptur Rodtschenkos.------------------------------Foto: Die Russen erprobten alle Spielarten der Abstraktion, selbst Jackson Pollock erscheint da nicht mehr so neu. Eine Gouache von Rodtschenko, 1943/44.