Die Nachkriegsmoderne mit ihren großflächigen Abrissen und aufgelockerten Neubauten hat besonders in Ostberlin schmerzhafte Narben hinterlassen. Weniger Beachtung findet dagegen die Tradition der kritischen Rekonstruktion in Ostberlin seit den fünfziger Jahren. Zahlreiche Bauwerke haben dieser damaligen Strategie des "Wiederaufbaus unter Beseitigung der Mängel" ihren Fortbestand im Stadtraum zu verdanken.Die Phase der aufwendigen Wiederherstellung von alter Bausubstanz war allerdings nur kurz. Unter dem Diktat der Wirtschaftlichkeit wurden neue Produktionsweisen des industriell vorgefertigten Plattenbaus entwickelt, die alle Baugattungen eroberten. Doch noch in den achtziger Jahren entstanden zuweilen neue Mischformen, die historisierende Repliken mit zeitgemäßen Neuinterpretationen verbanden.Heute vor zehn Jahren wurde zur 750-Jahr-Feier Berlins das Grand Hotel in der Friedrichstraße fertiggestellt. Der Entwurf des komplett aus industriell vorgefertigten Elementen zusammengesetzten Baus stammt von dem wenig bekannten japanischen Architekten Takeshi Inoue; in Berlin übernahm der Generaldirektor der Baudirektion Berlin, Ehrhardt Gißke, die Gesamtleitung des Bauvorhabens. Als Projektentwickler trat das Tokioter Großbauunternehmen Kajima Corporation auf, jenes weltweit agierende Riesenkonsortium, das heute auch das Sony-Center am Potsdamer Platz realisiert.Das Grand Hotel gehört zu den Spitzenleistungen des industriellen Bauens in der DDR und dokumentiert zugleich die Widersprüche der spät-sozialistischen Architektur. Obwohl es das Produkt einer raffinierten und aufwendigen Vorfabrizierung ist, lehnt sich die Formensprache ganz an die reich dekorierte, neoklassizistische Baukunst der Jahrhundertwende an ­ einer Zeit, die durch Kapitalismus und private Großbauherren geprägt war. Dieser ästhetische Widerspruch kennzeichnet die ideologischen Verwerfungen der späten DDR. Während privates Engagement im Immobiliengeschäft nahezu unmöglich war, sollte die Architektur dennoch die Bauformen der Bourgeoisie zitieren. Schließlich handelte es sich um ein reines Devisenhotel, das dem Geschmack der auswärtigen Gäste schmeicheln sollte.Die äußere Struktur des Hotelbaus greift die kleinteilige Parzellierung der Friedrichstadt vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder auf. Der stark gegliederte Bau weist sechs verschiedene Fassaden auf; das achteckige Atrium mit großer Freitreppe, das sich durch alle acht Geschosse erstreckt und von einer Lichtkuppel bekrönt wird, kultivierte die Luxusarchitektur der Belle Epoque.Der Innenraum läßt sich sogar als eine direkte Hommage an die längst abgerissene Kaisergalerie zwischen Behrenstraße und Unter den Linden lesen, die 1873 im Beisein von Wilhelm I. eingeweiht worden war. Bis sich die Friedrichstraße endgültig zur Amüsiermeile mit Rotlichtbezirk gewandelt hatte, galt diese Gegend als exclusive Promenade vornehmen Bürgertums. Die Hotelnutzung knüpft seit zehn Jahren an diese Tradition wieder an.Wie bereits im Nicolaiviertel galt es auch an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden, auf Grundlage des historischen Stadtgrundrisses und mit Hilfe postmoderner Formenzitate das barocke Stadtbild der Friedrichstadt zu rekonstruieren. Bei keinem Ostberliner Gebäude ist dies so kompromißlos gelungen wie beim Grand Hotel, das auch in der Vertikalen eine konsequente Fassadengliederung in Sockel, Haupt- und Staffelgeschoß aufweist.Nur bei näherer Betrachtung bemerkt man horizontale und vertikale Fugen, die auf die vorgehängte Plattenbauweise schließen lassen; geschickt werden diese konstruktiven Notwendigkeiten mit Gesimsen und Lisenen kaschiert. Den unteren zwei Geschossen in Form von sandsteinernen Arkadenbögen suggerieren mit ihren Granitsockeln und Schlußsteinen äußerste Massivität.Als "Haus der internationalen Spitzenklasse" konnte das Grand Hotel jedoch nur zwei Jahre lang als Devisenbeschaffer dienen ­ bis zum Mauerfall. Das Denkmal für den Kapitalismus jenseits der Mauer mußte sich bald selber den Gesetzen der Marktwirtschaft fügen. Nach kurzer Übernahme des Hauses durch die Maritim-Kette und Abriß-Gerüchten wird das Grand Hotel heute von der Deutschen Interhotel Holding betrieben, die sich nicht das schlechteste bauliche Erbe der DDR gesichert hat.