Die Unaufälligen/ Die stolperten weil sie den Weg sahn/ Die stotterten weil sie die Sprache verstanden/ Die fielen weil sie aufstanden/ Gegen die Kälte" Inge Müller, die diese Verse schrieb, war lange nur als die Frau von Heiner Müller bekannt, bei einigen seiner Stücke hat er ihre Mitarbeit vermerkt. Dass sie auch Gedichte schrieb, wurde erstmals 1976, zehn Jahre nach ihrem Selbstmord öffentlich - durch ein Bändchen mit 37 Gedichten. 1996 gab die ehemalige Leistungssportlerin, die Germanistin und Schriftstellerin Ines Geipel ein Buch mit allen auffindbaren Gedichten heraus: außergewöhnliche, schmerzhaft ehrliche Lyrik.Innere Verpflichtung Bei der Beschäftigung mit Inge Müller stieß Geipel auf andere Autorinnen, deren Werk in der DDR verschwiegen oder stark behindert wurde. "Die Welt ist eine Schachtel" nannte sie ihr Buch, das 1999 erschien und vier Autorinnen vorstellt, die bis dahin kaum jemand kannte. Dass Ines Geipel nun daran arbeitet, ein "Archiv unterdrückter Literatur in der DDR" zusammenzustellen, erscheint da nur folgerichtig. Sie selbst sieht es als "innere Verpflichtung" an, solche Texte zu "heben". "Das sind Leben und Werke, von denen wendet man sich nicht mehr ab", sagt sie.Gemeinsam mit ihr verfolgt Joachim Walther das Projekt - auch einer, für den das Thema Zensur nicht neu ist. Der Autor und frühere Lektor hat sich jahrelang in der Gauck-Behörde durch Akten gekämpft, um dann 1996 mit "Sicherungsbereich Literatur" das Standardwerk zum Verhältnis zwischen Schriftstellern und Staatssicherheit in der DDR vorzulegen. Auf Eindladung des Dokumentationszentrums Berliner Mauer gaben Geipel und Walther nun einen ersten Überblick über ihre vom Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur unterstützte Arbeit. Dreihundert Quellen sind sie bisher nachgegangen. Sie dokumentieren die Texte und ergänzen sie um biografische Darstellungen sowie Gespräche mit den Autoren - sofern diese noch am Leben sind.Einer sollte sich gleich in den Abend einmischen. Joachim Walther forderte Thomas Körner im Publikum auf, etwas über sein Fragment "DDR - eine Sprachanstalt" zu sagen. Vier Bände wolle er noch liefern, einer sei ihm bei der Ausreise in den Westen verloren gegangen, sagte er, er schriebe aber immer noch weiter. Die beiden Schauspielstudentinnen, die die Texte vorlasen, wechselten sich bei dem Vortrag von Körners Auszug ständig ab, fielen sich ins Wort, sprachen kurzzeitig im Chor. Der aufgeregte Dialog zum Thema "Schichtauslastung" karikiert sinnentleerte Sprachmuster. "Das ist doch ein wunderbarer Text", sagte Ines Geipel noch mit Lachen in den Augen. Dann wurde sie ernst und leitet zu Inge Müller über.Textbeispiele von ingesamt sieben sehr unterschiedlichen Autoren wurden gelesen - ein winziger Bruchteil dessen nur, was im Archiv schon jetzt Eingang gefunden hat. Derzeit fühlen sich die beiden Sammler noch vor allem von der Quantität erschlagen. Die qualitativen Kriterien seien aber wichtig. Denn das Archiv soll Grundlage für weitere Forschungen über die in der DDR entstandene Literatur sein. Nach den Beispielen zu urteilen, ist dies ein verdienstvolles Unterfangen. Literarische Eigenständigkeit und der Bezug zur Moderne sind die wichtigsten Kriterien, die jeweiligen Entstehungsbedingungen kommen dazu.Manch einer kam "wegen zwölf Gedichtlein" schon in Haft und habe das Schreiben bald aufgegeben. Andere, wie etwa Günter Ullmann, standen nach der Wende mit 14 Buchmanuskripten da. Vieles davon ist inzwischen veröffentlicht, in kleinen Auflagen bei kleinen Verlagen.Dass letztlich auch ihre Arbeit öffentlich wird, ob als Bibliothek, Buchreihe oder Internet-Achiv, daran ist Geipel und Walther gelegen. Aber das ist eine Frage des Geldes.