Stiftung kündigt Senioren die Mietverträge

WILMERSDORF. Anfang August bekamen 34 Mieterinnen und Mieter die Kündigungen von der Elsbeth-Seidel-Stiftung. Die zum Teil über 80-jährigen Bewohner des Grunewalder Seniorenwohnheimes in der Bismarckallee 35 sollen bis zum 31. März 2000 ihre Wohnungen räumen. Ihr bisheriges Zuhause soll im kommenden Jahr in ein Pflegeheim umgewandelt werden. "Geahnt haben wir schon was. Die leer stehenden Wohnungen wurden seit Jahren nicht mehr weitervermietet", sagt Bewohnerin Vera Meik.Vor acht Jahren hatte die 66-Jährige sich das Wohnhaus der Stiftung als neue Bleibe ausgesucht. "Ich wollte in diesem Haus leben, weil ich dachte, dass ich hier bis an mein Lebensende wohnen könnte." Von den Freunden, die sie hier gefunden hat, will sie eigentlich nicht fortziehen. Vera Meik gehört zu den Jüngsten im Seniorenwohnhaus. Viele sind über 80 Jahre alt. Sie können sich noch viel weniger vorstellen, wieder umziehen zu müssen. "Die Elsbeth-Seidel-Stiftung nimmt den sozialen Tod der Bewohner hin", sagt Helga Frisch, ehemalige Gemeindepfarrerin der Grunewaldkirche. Viele, so die Pfarrerin, könnten der Ungewissheit wegen nachts nicht mehr schlafen und seien mit den Nerven völlig am Ende.Nach Auskunft von Hartmann Vetter, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, beruft sich die Elsbeth-Seidel-Stiftung bei den Kündigungen auf das neue Heimgesetz, das greifen würde, wenn die Senioren im Rahmen ihres Vertrages auch Pflegeleistungen bezögen. Vetter beurteilt die Rechtssituation aber anders: "Das Heimgesetz tritt hier nicht in Kraft. Es handelt sich um ganz normale Mietverträge ohne irgendwelche Pflegeanteile. Der Kündigungsgrund ist unzureichend."Den Umbau plant die Stiftung, wie Wilmersdorfs Sozialstadträtin Martina Schmiedhofer (Bündnis 90/Grüne) bestätigt, weil sich das benachbarte Krankenpflegeheim wegen des neuen Heimgesetzes nicht mehr rentieren würde. Es sind nur noch Zwei-Bett-Zimmer erlaubt, der Grunewalder Trakt ist aber mit Vier-Bett-Zimmern ausgestattet. Grundsätzlich begrüßt die Stadträtin den Umbau. "Dort soll ein qualitativ gutes Pflegeheim entstehen." Die Stiftung, sagt sie, hätte den Bewohnern aber mehr Zeit zugestehen müssen. Auch bei ihr hätten sich verzweifelte Bewohner des Hauses gemeldet. "Rein rechtlich können wir nichts machen. Wir helfen den Senioren aber gern bei der Wohnungssuche."Die 66-jährige Vera Meik möchte nicht ausziehen. "Die Wohnungen, die uns bis jetzt gezeigt wurden, waren nicht so schön wie diese." Die Hausbewohner haben beschlossen, sich zu wehren: "Wenn man uns zwingt, ziehen wir vor Gericht", sagt Vera Meik. Die Elsbeth-Seidel-Stiftung lehnte eine Stellungnahme ab.