Herr Sostmeier, Sie sind als Bester Sportmoderator für den Deutschen Fernsehpreis 2004 nominiert, der an diesem Samstag vergeben wird. Ihre Konkurrenz ist stark: Günther Jauch und Dieter Thoma für die Vierschanzentournee, Monica Lierhaus und Marcel Wüst für die Tour de France. Diese Nominierung ehrt mich sehr. Wenn ich den Preis tatsächlich bekäme, wäre er das Zuckerstück, mit dem die Pferde nach dem Wettbewerb aus dem Parcours gehen. Sie danken aus der Perspektive eines Pferdes?Weil es die Kreatur ist, die diesen wunderbaren Sport ermöglicht. Die einzige Sportdisziplin, in der sich der Mensch nicht nur auf sich allein verlassen muss. Das ist ja das Spannende. Man kennt die Pferde, man kennt die Reiter. Aber nichts ist sicher. Haben Pferde Intelligenz?Aber ja. Und Charakter. Das erste ist natürlich die Leistungsbereitschaft. Pferde sind sensibel. Sie haben Phasen, in denen sie durchhängen. Manche Pferde sind ein bisschen guckiger: Die achten auf rote oder gelbe Blumen, auf Fernsehkameras und wehende Fähnchen. Wenn wir in ein Stadion kommen, schauen wir ja auch erstmal rum. Was machen Sie beim Wettbewerb?Ich fühle mich ein. In Athen haben die Kollegen von der BBC einen Teil ihrer Übertragung dem Kollegen in der Kabine nebenan gewidmet, weil ich die ganze Zeit mitritt. Wie denn?Ich rutsche mit dem Hintern auf dem Stuhl hin und her. Arbeite mit den Schenkeln. Gestikuliere. Sie haben über eine Reiterin während des olympischen Dressurwettbewerbs Folgendes gesagt: "Sie muss ihn mit ihren Beinen umfassen. Sie muss ihn zwischen und vor sich haben." Für den Laien klang das erotisch. Reitsport basiert auf vier Hilfegebungen: Der Reiter hat seine Beine, er gibt Gesäßhilfen und Kreuzhilfen, dazu kommen die Zügelhilfen. Alles wirkt um so perfekter und eleganter, je weniger sichtbar diese Hilfen sind. Deshalb muss ein Reiter mit den Beinen auch mal sein Pferd umfassen, um es so ein bisschen nach oben heraus zu tragen, um es nach vorn an die Hand ranreiten zu können. So ähnlich reden Sie im Fernsehen auch. Gibt es Unterschiede zwischen Stuten und Hengsten?Mit Sicherheit die hormonellen Unterschiede wie bei uns Menschen. Stuten haben ihre Rosse, dann sind sie empfindlich. Es gibt Hengste, die gerne ihrem Fortpflanzungstrieb folgen. Wenn so ein Hengst während eines Turniers auf eine interessante Stute trifft, kann er neben seiner Arbeit auch mal an die angenehmeren Dinge denken.Viele Zuschauer und Journalisten haben auf Ihre Kommentierungen in Athen begeistert reagiert. Ich möchte die Poesie, die Schönheit und die Dramatik des Pferdesports mitteilen. Neben den Bildern. Damit die Zuschauer etwas Erläuterung haben und vielleicht eine Sensibilität bekommen.Sie polarisieren auch. Manche halten Sie für ein bisschen verrückt oder abgehoben oder kauzig. Pferdeverrückt: definitiv. Abgehoben: nein. Kauzig: weiß nicht. Ich bin, wie ich bin. Ansonsten halte ich viel von gutem Deutsch. Woher kommt Ihre Sprache? Monatlich ein halber Meter hoch gestapelte Pferdelektüre. Gefällt Ihnen der Habitus der Reiter?Das Traditionelle hat diesen Sport groß gemacht. Vielleicht könnte man nachdenken, ob man wie eine Bestattungsabteilung zur Dressur heranschreitet. Vielleicht täte eine modernere Nuance der Kleidung der Sache gut. Grundsätzlich sollten wir aber am roten Rock und traditionellen Frack festhalten. Wann schweigen Sie bei der Arbeit?Wenn alles zum Verständnis Notwendige gesagt ist. Wenn die Dramatik des Ereignisses das letzte Wort spricht. Wenn eine tolle Vorstellung vorbei ist und das Publikum applaudiert. Das ist Atmosphäre. Da redet man nicht rein. Gibt es Kommentierungen, die Sie nachträglich bedauern? Mit Sicherheit ist mit mir der Gaul schon mal durchgegangen. In Form von Enttäuschung. Wenn Reiter, die ich schätze, auf dem Parcours schwach waren, dann habe ich schon etwas Grobes gesagt. Aber sehr, sehr selten. Macht den Pferden Spaß, was sie tun müssen?Sonst würden sie es nie tun. Es ist wie bei uns: Wir haben Veranlagungen. Wenn man diese Veranlagungen entwickeln darf, macht es Spaß. Pferde kennen ihre Grenzen. Wenn sie über ein Hindernis nicht springen wollen, springen sie nicht. Man kann ein Pferd nicht zwingen?Kein Reiter der Welt. Was ist das Schönste an einem Pferd?Der Blick in die Augen. Ein Pferdeauge kann viel ausstrahlen: Ruhe, Vertrauen, Wachsamkeit, Angst. Sie sind in Ihrem Beruf offensichtlich am richtigen Platz. Ein Geschenk des Himmels. Mein Spitzname ist: "Das Pferd". Ich bin ja eher ein ruhiger Typ. Aber wenn es beim Gespräch auf diesen Sport kommt und ich wieder mal ausflippe, dann sagen meine Freunde: "Jetzt spricht das Pferd in ihm." Das Interview führte Regine Sylvester.------------------------------Beruf: Pferdeversteher // Carsten Sostmeier, 44 Jahre, ist im hessischen Schlüchtern mit Pferden aufgewachsen. Er hat Pferde geritten, bis seine Bandscheiben kaputt waren. Er hat Pferde gezüchtet, bis er zu oft unterwegs war, um sich ausreichend liebevoll um sie zu kümmern. Er war Ansager bei Reitturnieren und verdient heute sein Geld als Pferdesport-Experte bei der ARD und bei Turnieren. Seine sehr persönliche Art, Ross und Reiter zu kommentieren, hat ihn bekannt gemacht. Im Internet und anderswo sammeln die Fans schon seine Sprüche.------------------------------Sostmeiers olympische Kommentare. Kleine Auswahl // Da hüpft dem Pferd das Herz im Leibe. Lass ihn fliegen! Meine Nerven! Lass ihn fliegen! Komm, tanz für deine Reiterin, Rusty! Ich habe gar keine Lust, die Ritte von solchen Leuten mit Inbrunst und Herz zu kommentieren. Das war eher eine Wattwanderung und kein Sprung über den Wassergraben. Das diagonale Abfußen, brillant genommen. Das Pferd ist in sich ein bisschen eng. Dieses elegante Kreuzen der Beinpaare, obwohl manchmal hinten ein bisschen zu hoch gearbeitet wurde. Der Motor des Pferdes sitzt in der Schulter. Diese Leichtigkeit des Seins! Aber es müsste sich mehr dehnen. Oh mein Gott! Nicht auf dem Hinterbein stehen bleiben! Er sitzt auf einem Pulverfass! Die Lunte glüht! Hoffentlich erreicht sie nicht das Pferd! Schade, dass so viel in die Hose gegangen ist.------------------------------Foto: Carsten Sostmeier gibt ein Gefühl für die Schönheit und die Dramatik des Pferdesports.