Gleich zu Beginn meldet sich ein Geisterfahrer. Zum Auftakt der 75-minütigen Sendung über die wichtigsten deutschen Probleme vor der Bundestagswahl möchte er wissen, was der Kanzlerkandidat der SPD gegen Raser unternehmen will, die auf der falschen Autobahn-Spur unterwegs sind. Da ist Peer Steinbrück für einen Moment sprachlos: „Mehr als eine gute Beschilderung fällt mir nicht ein“, gesteht der 66-Jährige.

Doch das wird die einzige Antwort sein, die Steinbrück in der ARD-Wahlarena schuldig bleibt. Anfangs ein wenig hektisch und im Stakkato, manchmal auch ein bisschen technisch und im Fachchinesisch, dann zunehmend frei und engagiert findet er auf jeden Einwurf eine Erwiderung. Schon bald hält es ihn nicht mehr an dem durchsichtigen Stehpult. Wie ein Tiger läuft im Kreis durch die Arena und versucht, dem Publikum möglichst selten den Rücken zu kehren. Zumindest dem Kameramann dürfte dabei ganz schwindelig werden.

Mehrere Mittelständler, zwei Anwälte, ein Arzt – in der ersten Hälfte melden sich erstaunlich viele Bürger zu Wort, die in Steinbrücks Sprachgebrauch eher „in den oberen Etagen der Gesellschaft“ zuhause sind und sich über die Steuerpläne der SPD beklagen. Der Staat müsse handlungsfähig sein, erwidert Steinbrück und kündigt beinahe selbstverständlich an, wofür er das eingenommene Geld verwenden werde, „wenn ich Bundeskanzler bin“.

Sachthemen in lockerem Ton

Vor ein paar Wochen noch hätte das merkwürdig geklungen: Steinbrück und Bundeskanzler. Wahrscheinlich ist es auch heute nicht. Aber nach dem TV-Duell hat Steinbrück spürbar auf Augenhöhe zur Kanzlerin aufgeschlossen. Eine Debatte über mögliche Koalitionsoptionen mit der Union lehnt er ab: „Sie können vielleicht verstehen, dass ich im Augenblick auf das Ziel konzentriert bin, das ich möchte: Rot-Grün.“ Ja, er habe einmal mit Angela Merkel gut zusammengearbeitet. Aber inzwischen sei sie eine andere und habe sich der FDP versprochen – das ist es aber auch, was er an direkter Kritik an der Amtsinhaberin äußert.

Stattdessen: Sachthemen. Die europapolitische Verantwortung. Die Pflegereform. Die gebührenfreien Kita-Plätze. Steinbrück trägt alles präzise und faktengesättigt vor. Das dialogische Format mit vielen Fragen und raschem Themenwechsel liegt ihm. Er praktiziert es ganz ähnlich bei seinen Wahlkampfauftritten. Wo Merkel ein wenig müde am Pult stand, läuft er nun aufgekratzt wie eine Mischung aus Fernsehprediger und Tele-Verkäufer umher.

Die Bürgerversicherung betreibe Gleichmacherei? „Dem widerspreche ich deutlich!“. Lohnuntergrenzen und Mindestlohn seien dasselbe? „Ich widerspreche Ihnen leidenschaftlich.“ Die teure Haftpflichtversicherung für Hebammen? „Das Problem ist erkannt.“ Doch mehrfach betont Steinbrück auch, dass er nichts versprechen wolle, was nicht zu halten sei.

Er widersteht der Versuchung wohlfeiler Antworten und räumt offen ein, er könne einer 58-jährigen Frau leider keinen Job vermitteln. „Wollen Sie sich das wirklich antun“, fragt ihn einmal eine Dame im roten Sakko: „Sie gehen doch schon auf die 70 zu?“ Da blinzeln Steinbrücks Augen. „Schauen Sie mich an!“, fordert er die Fragestellerin auf. Tatsächlich: Er sieht aus, als wolle er es allen Umfragen zum Trotz ernsthaft noch einmal wissen.