Arm und Reich: Der Riss, der durch Lichtenberg geht

Berlin - An der Straßenecke Warnemünder Straße Ecke Rostocker stehen zwei junge Frauen und rauchen. Sie wollen gleich zusammen wegfahren, aber für ein kleines Gespräch über ihren Kiez nehmen sie sich dann doch etwas Zeit. „Alles ist hier extrem viel schlechter geworden, seit die Ausländer da sind“, sagt die eine. Die Leute seien laut, nicht sauber und irgendwie unheimlich. „Ich ziehe hier weg.“ Ihre Freundin nickt. Ihre Namen wollen die beiden nicht sagen.

Das Wohngebiet rund um die Warnemünder Straße sieht eigentlich hübsch aus. Die Häuser wirken frisch gestrichen, weiß mit grauem Sockel, die Balkone leuchtend gelb. Es ist Lichtenberg, der Stadtbezirk, in dem die Linke fünf von sechs Direktmandaten gewann und auch sonst deutlich vorne lag.

AfD bei 33 Prozent

Aber es ist auch Neu-Hohenschönhausen, Teil der Großsiedlung, die in den 80er-Jahren dort auf den Feldern gebaut wurde. Hier wurde beispielsweise im Wahllokal 108 die AfD mit über 33 Prozent der Stimmen gewählt, die NPD erhielt vier, die Linke 20. Der AfD-Kandidat Kay Nerstheimer errang am Sonntag ein Direktmandat. Wählen ging nur jeder Dritte.

Die beiden Frauen auf dem Gehweg wechseln einen kurzen Blick, dann legen sie los. Die Müllhäuser würden ständig durchwühlt. Die Männer pinkelten auf den Gehweg. Diebstähle hätten zugenommen, nicht bei ihnen persönlich, aber sie hätten davon gehört.

Die Kinder in der Schule sprächen kein Deutsch. Die Turnhallen seien blockiert, weil Flüchtlinge drin wohnen. Abends stünden junge Männer in Gruppen zusammen draußen. „Wenn ich um 20 Uhr mit der S-Bahn von der Arbeit komme, muss ich da vorbei“, sagt die Blonde. Angesprochen hätten die Männer sie noch nicht, auch nicht angefasst. „Aber es bleibt ein unangenehmes Gefühl“, sagt sie.

Sie hat nicht gewählt. Ihre Freundin schon. Sie sei alleinerziehend, sagt sie, verdiene nur etwas mehr als Hartz IV. „Ich arbeite 40 Stunden, mein Kind sieht mich fast gar nicht, aber ich bekomme gar nichts“, sagt sie. Keine Zuschüsse, keinen Wohnberechtigungsschein, „aber die Flüchtlingskinder laufen in Markenklamotten rum“.

Sie hat „die kleinste Partei gewählt, denn die Großen reden ja nur und machen nichts“. Aus Protest, ein Denkzettel solle es sein. Sie will den Namen nicht aussprechen, aber auch so wird klar, dass sie die NPD meint.

Es hat Proteste gegeben und eine Demonstration, als Anfang des Jahres bekannt wurde, dass in der näheren Umgebung mehrere Flüchtlingsunterkünfte gebaut werden sollen. Das Thema ist präsent, immer noch, auch wenn mittlerweile nicht mehr demonstriert wird.

Eine Frau, 30 Jahre alt, auch sie zieht ihren Sohn alleine groß, läuft durch den Tunnel unter dem S-Bahnhof Wartenberg. „Man müsste die Asylanten zurückschicken, aber das geht ja nicht“, sagt sie unaufgefordert, wenn sie auf die Wahl angesprochen wird.

Es wohnen viele alleinerziehende Frauen in diesem Viertel. Dieter Schade, Hausmeister in der Kita Wirbelwind, in deren Räumen gewählt wurde, ist eine Art Vaterersatz für sie alle. Er ist 63 Jahre alt und war schon da, als die Mütter als Kinder die Kita besuchten. „Vom Jobcenter schicken sie mir manchmal junge Kerle ohne Schulabschluss und Beruf. Die haben keinerlei Ehrgeiz. Ich frage sie immer, wie wollt ihr bloß durchs Leben kommen. Darauf haben sie keine Antwort“, sagt er.

Und dabei findet er das Viertel eigentlich wunderbar, schön ruhig, viel Platz zwischen den Häusern. Die meisten seien freundlich, aber manche eben auch unzufrieden.