Es wird ja wirklich eine Menge Zeug eingenommen in Goethes "Urfaust", und an psychedelischen Erlebnissen mangelt es auch nicht. Wenn man aber "Droge" nicht nur pharmazeutisch versteht, sondern als Metapher für alles, was das Bewusstsein erweitert und die sinnlichen Erlebnisse intensiviert, wenn man auch die damit verbundenen Frustrationserlebnisse bei der Ernüchterung und die Probleme mit der Abhängigkeit bedenkt - gewinnt man durchaus einen reichen Zugang zu diesem Stoff, von dem Goethe zeit seines Lebens nicht mehr losgekommen ist. Und wenn man richtig gut drauf ist, hebt man ab und fliegt weiter, so wie Einer Schleef es getan hat, als er sein vermächtnishaftes Werk "Droge Faust Parsifal" schrieb. Darin schlägt er einen Bogen vom Chor der Antike über die Individualisierung bei Shakespeare, über die deutsche Klassik, die diesen irgendwie Widerspruch aufzulösen versucht, bis hin zur politischen Gegenwart im gerade vereinten Doppeldeutschland mit Abschweifungen in die eigene Autobiografie. Was für ein Trip!Der bekennende Schleef-Jünger Armin Petras (einer der vorerst letzten vielleicht, aber eine Renaissance ist bei Schleef wahrscheinlicher als bei Heiner Müller) hat nun dieses Konvolut hergenommen und sich davon zu dem Theaterabend "Droge Faust" inspirieren lassen - also erst einmal ohne Parsifal. Am Donnerstag feierte die Inszenierung Premiere in der Scala, der kleinen Spielstätte des Leipziger Central-Theaters; in der nächsten Spielzeit kommt sie ans Gorki-Theater.Die Begeisterung über diesen Abend ist groß, die Enttäuschung auch. Wobei man gar nicht sagen kann, was für Erwartungen zu enttäuschen waren. Denn dieses Monstrum von einem Geistesblitz auf die Bühne zu bringen - wie soll das gehen? Schleef arbeitet sich seitenlang an Vers- und Klangverschiebungen bei den verschiedenen Faust-Monologen ab, dann regt er sich über das schlechte Benehmen in U-Bahnhöfen auf und speist in seinen Gedankenfluss einen nicht ohne weiteres zu überschauenden literarisch-musikalischen Kanon ein, den auch nicht jeder ohne weiteres drauf hat. Dieser Text ist einfach zu groß. Da kann man ja gleich das Internet inszenieren.Die Enttäuschung ist also, dass keine Schleef-Kunst dabei herausgekommen ist. Aber es kommt immerhin Petras-Kunst heraus - heftig, direkt, chaotisch, spiel- und schmerzsüchtig. Auf der Bühne sitzt zwischen einigem Gerümpel der Schauspieler Berndt Stübner, kurze helle Haare, ein bisschen aufgeschwemmt, nicht mehr jung. Vor ihm stehen Drogen: Schnapsflaschen, Tablettenschachteln, ein Glas mit etwas Giftgrünem. Dieser Mann, er hält sich an Pfefferminz-Tee, könnte Schleef sein. Er kriegt Besuch von zwei ahnungslosen, aber lernwütigen Theater- und Literatur-Nerds: die nach außen erst einmal brav wirkende, dann aber sauf-, rausch- und leidensbereite Anja Schneider und ihr Freund, Thomas Lawinky, ein Bollwerk an Verlegenheit, das aber von gezielten Drogen- und Liebesexperimenten gründlich erschüttert werden soll.Dieses Trio - das so eine Art Hinterhof-Séance abhält - verteilt die tragenden Rollen unter sich. Schleef ist Mephisto, und seine Schüler sind Faust und Grete, wobei die Schauspieler immer wieder die Ebenen wechseln, aber nicht so, dass man denken würde, sie hätten es in der Hand. Illustriert wird das Ganze mit wirkungsvollen Video-Hallozinationen von Rebecca Riedel: zum Beipspiel Frösche, die mit ergebenen Blicken in Zeitlupe durchs Bild fliegen, oder aufkeimende und wuchernde Pilze im Zeitraffer.Dieses Menschenexperiment lässt praktischerweise Platz für eingestreute Schleef-Zitate; sein eigentlicher Reiz aber besteht darin, dass es immer wieder aus dem Ruder zu laufen droht, dass die Künstler von einem Schaffensfuror, den ein Genie wie Schleef womöglich erlebt hat, fortgerissen werden, von einem Furor, der keine Rücksichten und keine Rückwege kennt, nach dem sich das explodierte Bewusstsein nicht wieder auf Falte zusammenlegen und einhegen lässt.Es war auch schon vor diesem Abend klar, dass man solchen Furor nicht simulieren oder anzetteln kann, geschweige denn aushalten würde. Aber erstens ist Armin Petras der Vergeblichkeit seit jeher auf der Spur, und zweitens macht einem dieser Abend klar, wie groß inmitten des gegenwärtigen bürgerlichen Kunstschaffens die Sehnsucht nach einem solchen Furor ist. Wir haben es so gut. Wir sind so verwirrt und klein. Und es ist so schnell vorbei.------------------------------Foto: Berndt Stübner als Schleef und Thomas Lawinky als Schleef-Jünger. Oder sind das Mephisto und Faust? Sie werfen sich ohne Rücksicht auf die Nebenwirkungen in die Kunst. Nicht im Bild ist Anja Schneider, die dritte im Bunde.