AUGSBURG, 15. Dezember. Der Fall ist sonnenklar. So klar, daß die meisten Zuhörer und viele, die den Prozeß nur aus der Ferne über die Medien verfolgen, gar nicht verstehen können, warum hier überhaupt tagelang verhandelt werden muß. Der 29jährige Armin Schreiner hat das Mädchen Natalie Astner, ein Kind von sieben Jahren, erst mißbraucht und dann umgebracht. Er hat die Tat bereits kurz nach seiner Festnahme gestanden und in der Hauptverhandlung dieses Geständnis wiederholt. Mit einem Kindsmörder, auf diesen Nenner läßt sich Volkes Stimme bringen, muß doch kurzer Prozeß gemacht und dann lange Rache genommen werden. "Ab ins Gefängnis und dann jeden Tag fünf Gramm Rattengift, damit es ihm richtig schlecht geht", sagt ein Zuschauer und spricht damit der Mehrheit vermutlich aus der Seele.Kurzer Prozeß, bei Mord lebenslange Haft. Aber was dann? Armin Schreiner ist schon einmal der Prozeß gemacht worden. Wegen mehrerer ziemlich ähnlicher Delikte ist der 29jährige Elektriker 1993 zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Er hat Frauen und in zwei Fällen auch minderjährige Mädchen überfallen und befummelt, ohne daß es, wie es im Juristendeutsch heißt, dabei zum Geschlechtsverkehr gekommen wäre. Der Gutachter in diesem ersten Prozeß hat bei Schreiner keine sexuelle Abartigkeit gesehen, wohl aber auf eine Wiederholungsgefahr hingewiesen.Noch während der Haftzeit beginnt Schreiner eine Therapie. Sein erster Therapeut, der im Natalie-Prozeß in Augsburg als Zeuge auftritt, schildert ihn als therapiefähigen Patienten, der "überzeugend Einsicht in die Notwendigkeit von Veränderungen" gezeigt habe. Offenbar, so schildert es der Therapeut, hat Schreiner, ein zu Selbstmitleid neigender, leicht kränkbarer Mann, Probleme, mit Streßsituationen und Frustrationen umzugehen. Als Motiv für seine ersten Taten gibt er unter anderem an, von seiner damaligen Freundin mehrfach sexuell zurückgewiesen worden zu sein. Wäre das ein ausreichender Grund, gäbe es in Deutschland täglich Hunderttausende von Vergewaltigungen.Der Therapeut war im Frühjahr 1996 ­ Schreiner war vorzeitig aus der Haft entlassen worden ­ ganz zufrieden mit seinen bisherigen Bemühungen. "Er wirkte zuletzt eher imstande, mit Belastungen umzugehen", sagt der Zeuge. Über sexuelle Probleme Schreiners ist allerdings nie im Detail geredet worden, mehr als merkwürdig bei einem verurteilten Sexualtäter. Weil Schreiner aus Landsberg wieder in die Nähe Münchens zieht, will er von seinem Therapeuten Adressen von Kollegen, die ihn weiterbehandeln. Ein anderer Therapeut begutachtet ihn, will ihn an einen Kollegen weiterleiten. In seinen Akten ist von Sexualstörungen die Rede. "Das habe ich reingeschrieben wegen der Kostenübernahme durch die Kasse", sagt der Therapeut als Zeuge.Zur weiteren Therapie kommt es nicht mehr. Am 20. September 1996 ermordet Armin Schreiner die kleine Natalie. Es war, das wird die Hauptverhandlung deutlich zeigen, keineswegs die Affekttat eines Mannes, den seine Triebstörung völlig außer Kontrolle hat geraten lassen. Es war ein Mord, möglicherweise begangen aus der Panik heraus, entdeckt zu werden, aber wohlüberlegt und konzentriert durchgeführt.Als Armin Schreiner vom Tatort wegfährt, merkt er, daß ihm sein Feuerzeug fehlt. Er fährt noch mal zurück, sucht das Gelände ab, findet das Feuerzeug. Am Nachmittag läßt er sich von einer Bekannten im Auto nach Niederbayern mitnehmen, wo er mit einem Freund verabredet ist. Schreiner sei "überhaupt nicht" anders als sonst gewesen, sagt die Frau als Zeugin vor Gericht aus. Im Gegenteil, er habe "Gaudi gemacht" mit ihren Kindern auf dem Rücksitz, zwei Zwillingsmädchen, fast genau im gleichen Alter wie das Mädchen, das er wenige Stunden zuvor ermordet hatte.Wie konnte so etwas passieren? Was ist dieser Armin Schreiner, der die ganze Zeit über reglos auf seinem Stuhl sitzt, geschützt von einem gläsernen Paravent, eigentlich für ein Mensch?Die SachverständigenDas sollen auch in diesem Prozeß die Gutachter klären, wie immer, wenn ein Gericht mit seinen eigenen, juristischen Mitteln nicht mehr weiterkommt. Die Zunft der psychiatrischen Sachverständigen hat eine große Macht in deutschen Gerichtsälen, wenn über Täter geurteilt werden muß, die sich irgendwie außerhalb der Norm bewegen.Der erste, der im Augsburger Natalie-Prozeß zu Wort kommt, ist der Kieler Sexualmediziner Reinhard Wille. Der renommierte Essener Gerichtspsychiater Norbert Leygraf hat kürzlich beklagt, ein großer Teil psychiatrischer Gutachten stamme von Pensionären, oft ehemaligen Landesmedizinaldirektoren, die sich damit ein nettes Zubrot verdienen können. Tatsächlich ist auch der 67jährige Reinhard Wille schon im Ruhestand. Eigentlich ist er gelernter Rechtsmediziner. Zur Sexualmedizin ist Wille vor mehr als 25 Jahren gekommen, in seiner Habilitation hat er irgendwelche Besonderheiten bei Exhibitionisten entdeckt. Aber wenn einer etwas lange genug macht, ist er eben ein Experte.Was Wille im Gerichtsaal vorträgt, nährt die Zweifel, ob er der richtige Mann ist, um die Abgründe in der Persönlichkeit von Armin Schreiner auszuleuchten. Wortreich läßt sich der Gutachter über die Sexualmedizin als solche aus ("das Besondere ist, daß wir Sexualität als Teil eines Paares auffassen") und widmet sich skurrilen Details. So stellt er bei Armin Schreiner eine "gewisse Stimulierbarkeit der Analgegend" fest. Über die Tat will er vom Angeklagten wissen, warum er beim Onanieren ein Kondom übergestreift habe: "Ist das nicht dysfunktional?"Der Sexualmediziner attestiert dem Angeklagten, unscharf wie das ganze Gutachten, "etwas Verdrucktes, Unoffenes" und kommt nach der Befragung durch den Vorsitzenden Hans-Reiner Schultz zu dem Schluß: "Es bleibt hier etwas Rätselhaftes, nicht Erforschbares." Als er ein paar Tage später noch einmal auftreten muß, sagt Wille, die Vernehmung der Familienangehörigen Schreiners habe alles bestätigt, "was ich mehr als Ahnung, als Gefühl hatte".Der zweite Gutachter, Henning Saß aus Aachen, ein renommierter Mann, der häufig in deutschen Gerichtssälen auftritt, kann über die sexuelle Seite von Armin Schreiner noch nicht mal eine Ahnung äußern. Der Angeklagte wollte mit ihm darüber nämlich nicht sprechen. Saß bewegt sich auf der Basis der bisherigen Begutachtungen, spricht von einer "gewissen Brüchigkeit im Selbstwertgefühl", bestätigt, daß Schreiner ein Mann ist, der sich von anderen leicht gekränkt fühlt. Auf die entscheidende Frage, ob der Angeklagte Schreiner ein therapierbarer Fall ist, fährt der Gutachter einen Schlingerkurs, der letztlich alles denkbar erscheinen läßt.Die Therapie, die Schreiner begonnen habe, sei "sicher eine günstige und geeignete Therapieform", sagt Saß, leider aber "relativ kurz" und "nicht frequent" gewesen. Ein "engeres sozialtherapeutisches Netz" hätte vielleicht zu mehr Erfolg geführt, mutmaßt der Gutachter. Wenige Sätze später spricht Saß davon, daß der bisherige Therapieansatz "gescheitert" sei, was auf eine besondere Verhaltenshartnäckigkeit des Angeklagten schließen lasse. Eine Reihe von schwierigen Persönlichkeitsmerkmalen könne eine Therapie negativ beeinflussen, die Prognose sei ungünstig.Was soll ein Gericht auf dieser Basis entscheiden? Beide Gutachter halten Schreiner für voll schuldfähig, daß er ein krankhafter Pädophiler ist, schließen sie aus. Beide bejahen eine Wiederholungsgefahr, wobei es eine interessante Frage ist, ob sie in der aufgeladenen Atmosphäre des Augsburger Schwurgerichtssaales überhaupt etwas anderes hätten sagen können.Denn der Mord an der kleinen Natalie hat die Menschen, nicht nur in ihrem Heimatdorf Epfach und dessen näherer Umgebung, aufgewühlt wie kaum ein anderes Verbrechen. Das liegt, auch wenn es für die Angehörigen zynisch klingen mag, weniger an der Scheußlichkeit dieses einen Falles als an den Zufällen der heutigen Mediengesellschaft. Als das Verbrechen an Natalie passiert ist, war die Öffentlichkeit gerade über Wochen hinweg mit ständig neuen Details des belgischen Kindermörders Marc Dutroux versorgt worden. Da löste der Mord von Epfach eben eine besondere Welle der Empörung und ein gewaltiges Medienecho aus. Das prägt auch den Prozeß, der unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen stattfindet.Oberstaatsanwalt Jörg Hillinger hat als Behördenleiter den Fall Natalie ("rechtlich und tatsächlich eines der einfachsten Verfahren") selber an sich gezogen, um den zu erwartenden Emotionen mit der nötigen Autorität zu begegnen. Hillinger ist alles andere als glücklich, daß das Augsburger Gericht für die Dauer des Prozesses in eine Festung verwandelt wurde.Sonnenklarer FallUnd daß die Eltern der toten Natalie am Verfahren auf eine Weise teilnehmen, die die Gemüter noch mehr in Wallung bringt. Nicht nur dem Staatsanwalt erscheinen die Zornesausbrüche des Nebenklägers Hannes Astner "gelegentlich wie eine mediengerechte Show". Auch der Vorsitzende schließt bei einer Warnung vor weiteren Störungen im Gericht den immer wieder tobenden Vater ausdrücklich mit ein.Der Mordfall Natalie, er ist sonnenklar. Eine Einweisung in die Psychiatrie mit anschließender Sicherheitsverwahrung kommt nach den Gutachten nicht in Betracht. Das Urteil kann deshalb nur auf lebenslange Haft lauten. Da aber gibt es nach geltendem Recht keine anschließende, automatische Sicherheitsverwahrung. Es muß nach frühestens 15 Jahren geprüft werden, ob Armin Schreiner irgendwann in die Freiheit entlassen werden kann.Und dann werden eine andere Kammer, andere Gutachter entscheiden müssen, ob und wie gefährlich Armin Schreiner noch ist. Täter wie Schreiner, das hat das Augsburger Verfahren gezeigt, fallen durch alle Raster. Die Gesellschaft weiß sich mit ihnen keinen Rat. Für die Psychiatrie ist Schreiner nicht krank genug, für den normalen Strafvollzug nicht normal genug. Von sozialtherapeutischen Spezialanstalten, wie sie in den siebziger Jahren für solche Täter einmal vorgesehen waren, ist heute, wo überall das Geld fehlt, längst keine Rede mehr."Er darf nie mehr rauskommen", fordert Erich Kettner, der Großvater von Natalie, "er muß hinter Gittern sterben." Das sehen die geltenden Gesetze aber nicht vor. Und etwas anderes gibt es nicht.