Im Alter in seiner eigenen Wohnung zu bleiben, wird für künftige Rentner immer häufiger unmöglich sein. Viele alte Menschen werden sich die Miete ihrer Wohnung nicht mehr leisten können. Das geht aus einer Studie des Pestel-Instituts hervor, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Es fehle massenhaft an altersgerechten Wohnungen und kleinen Wohnflächen, die sich auch noch Menschen in Altersarmut leisten können, heißt es in der Untersuchung. „Es gibt eine graue Wohnungsnot“, sagte Pestel-Studienleiter Matthias Günther.

Der Grund dafür: Deutschland wird älter – und die Rentner ärmer. Die Zahl der Menschen über 65 Jahren wird nach Berechnungen des Instituts auf Grundlage der jüngsten Zensus-Zahlen bis zum Jahr 2035 um 40 Prozent gegenüber heute zunehmen. Es ist die Babyboomer-Generation, die dann in Rente geht – und viele von ihr werden auf den Staat angewiesen sein, um zu überleben. Niedriglöhne, prekäre Selbstständigkeit und Arbeitslosigkeit führen dem Institut zufolge dazu, dass in den kommenden zwanzig Jahren mehr als jeder vierte Rentner von Altersarmut betroffen sein wird. Gegenwärtig sind es rund drei Prozent .

Die Forscher gehen davon aus, dass alte Menschen deshalb wesentlich häufiger als heute umziehen müssen. In der Wohnung zu bleiben, in der man mit 45 Jahren mit Partner und Kindern wohnte, wird zum Luxus werden, den sich immer weniger leisten werden können. Doch zugleich warnen die Wissenschaftler: Wer umziehen muss, droht daran zu scheitern, eine altersgerechte Wohnung zu finden.

Das Pestel-Institut kommt zu dem Ergebnis, dass eine starke Ausweitung des Bestands kleiner und barrierefreier Wohnungen notwendig ist. Es hat mit Zahlen des Bundesbauministeriums errechnet, dass in Deutschland in den nächsten acht Jahren 2,5 Millionen zusätzliche barrierefreien Wohnungen eingerichtet werden müssten – allein in Berlin fehlen 100.000 solcher altersgerechter Wohnungen. Kritisch ist oft der Zugang zur Wohnung oder das Bad, in dem die Badewanne durch eine bodengleiche Dusche ersetzt werden müsste.

Fatal für Pflegekosten

Das Fehlen solcher altersgerechten Wohnungen wird dem Institut zufolge dramatische Auswirkungen auf die Pflegekosten haben. Denn wer keine altersgerechte Wohnung findet, dem bleibt nur das Pflegeheim. „Wenn sich nichts ändert, wird das künftig die Regel sein“, sagt Studienleiter Matthias Günther. Für die Pflegekosten sei dies fatal. Denn die Heimpflege sei deutlich teurer als die Pflege in den eigenen vier Wänden. Das Pestel-Institut rechnet für Betroffene mit Mehrkosten von 7200 Euro jährlich. Der Umbau zur barrierearmen Wohnung koste dagegen durchschnittlich 15.600 Euro – eine Investition, die sich bereits nach zwei Jahren auszahlen würde.

Altersgerechte Wohnungen könnten dem Institut zufolge somit einen Beitrag leisten, um den Anstieg der Pflegekosten einzudämmen. Für sie wird ein Anstieg um mehr als 50 Prozent bis 2035 prognostiziert, die Hilfe zur Pflege als staatliche Sozialleistung wird sich im gleichen Zeitraum sogar verfünffachen.

Kritik an der Bundesregierung

Um den nötigen Bedarf an altersgerechten Wohnungen zu entsprechen, müsste der Studie zufolge massiv investiert werden. Notwendig seien insgesamt Investitionen in Höhe von 39 Milliarden Euro, allein für Berlin sieht das Institut einen Investitionsbedarf von 1,6 Milliarden Euro aus. Da erfahrungsgemäß ein Förder-Euro etwa acht Euro an privaten Investitionsmitteln nach sich zieht, müsse der Staat der Studie zufolge in den kommenden acht Jahren den Bau und das Sanieren altersgerechter Wohnungen mit jährlich 540 Millionen Euro fördern, erklärten die Forscher.

Diese Forderung übernahm auch der Auftraggeber der Studie, das Bündnis „Wohnen 65plus“, dem unter anderem der Deutsche Mieterbund, der Sozialverband Vdk, die Gewerkschaft IG BAU und Verbände der Bauindustrie angehören. Die Verbände kritisierten die Bundesregierung scharf. Lukas Siebenkotten vom Deutschen Mieterbund verwies auf eine Studie des Bundesbauministeriums, das ebenfalls einen zusätzlichen Bedarf von 2,5 Millionen Wohnungen errechnet hatte. „Dennoch hat es darauf keine Reaktion der Bundesregierung gegeben“, sagte Siebenkotten. Stattdessen seien die Haushaltsmittel für das Programm „Altersgerecht umbauen“ in Höhe von 100 Millionen Euro inzwischen gestrichen worden. Notwendig sei neben den staatlichen Förderungen zudem, dass die Kommunen durch sozialen Wohnungsbau bezahlbaren Wohnraum schaffen.

Ausreichend kleine, preisgünstige Wohnungen für die von Altersarmut betroffenen Rentner wird es Studienleiter Matthias Günther zufolge wohl künftig dennoch nicht geben. Nicht wenige dürften daher im Alter wieder Putzplan-Diskussionen führen müssen. „Rentner-WGs werden unvermeidlich sein,“ sagte Günther.