Arno Geiger begleitet seinen Vater in die Umnachtung: der alte König in seinem Exil: Meine Federn, die sind fort

Als ich sechs Jahre alt war, hörte mein Großvater auf, mich zu erkennen." Mit diesem sanft galoppierenden Satzgebilde beginnt das schmale neue Buch von Arno Geiger. "Der alte König in seinem Exil", ist jedoch nicht "Dätt", der Großvater, sondern August Geiger, der ebenfalls zusehends vergesslicher werdende Vater des Schriftstellers. Und doch klingt in diesem Auftakt ein Akkord an, der in der Melodie eines großen Requiems aufgehen wird. Es geht um das Sterben. Um das langsame, unaufhaltsame Heranschleichen des Todes, gegen den es kein Rezept gibt und gegen den kein Aufbegehren Sinn macht.Es geht um die tödliche Krankheit Alzheimer. In ihrem Verlauf verfällt das Gedächtnis, die Erinnerungen werden trügerisch, ihre Ordnung gerät aus allen Fugen. Das verursacht Furcht und Panik, es ist nicht auszuhalten. Die angelernten Fähigkeiten zu Sprache, Vernunft, Wirklichkeitswahrnehmung gehen verloren, in manchen Fällen verliert sich die ganze Persönlichkeit. Und also geht es um das Leben.Trümmerfeld des JahrhundertsAlzheimer, so schreibt Geiger in seiner stillen, fast beiläufig wirkenden Kunst, macht Aussagen über anderes. Und es macht etwas mit allen, die damit zu tun haben. Was macht es mit uns, was sagt es über uns? Gesellschaftliche Befindlichkeiten werden wie im Vergrößerungsglas sichtbar: Alzheimer spiegelt für Arno Geiger das Trümmerfeld des vergangenen Jahrhunderts, die Zerrüttung in seines Vaters Kopf ist ihm Pendant zur Erschütterung aller festen Werte.Als er sein Haus, das er eigenhändig gebaut hat, seine Möbel, nicht mehr erkennt, wird Geigers Vater von einer tiefen Verwundbarkeit und Verlassenheit erfüllt. Es ist nicht die Desorientierung eines neugierigen Kindes, das die Welt noch zu sehen und zu verstehen lernt, es ist die Heimatlosigkeit dessen, dem die ganze Welt fremd geworden ist. In diesem unentwegten Heimweh, das den Vater rastlos umhertreibt, gibt es keinen Ort des Trostes mehr. Alles ist fremd und trügerisch, es gibt keine Geborgenheit mehr. Für den einst als gerade mal 19-Jähriger, fast Verhungerter aus dem Krieg heimgekehrten Vater gäbe es nur die Gnade der völligen Umnachtung, das, was die Gläubigen mit dem Wort "Himmelreich" benennen. Bis dahin ist es, als sähe man einem Verblutenden in Zeitlupen zu.Es ist dies ein Buch voll Schmerz. Und es ist nicht ohne Komik. Geiger notiert Sätze, die einem poetischen Zufallsgenerator entsprungen sein könnten und voll surrealer Weisheit und Hellsichtigkeit sind. Für den Schriftsteller könnten sie von Kafka oder Thomas Bernhard sein. "Das Leben ist ohne Problem auch nicht leichter", sagt der Vater etwa einmal. Als er irgendwann, nach zehn Jahren Betreuung durch Familienangehörige und wechselnd geduldige Slowakinnen in seinem Haus mit seiner geliebten Tüftler-Werkstatt, der obstbaumbestandenen Wiese, der weiten Aussicht vom Gartenmäuerchen über den Bodensee, dann doch ins örtliche Pflegeheim muss, erkennt er heiter: "Wir sind lauter Geflickte".Der Dialog des Vaters mit einem anderen "alten Tölpel" über die schönen, nagelneugebauten Wohnungen im Himmel hat schon fast Beckett'sche Bühnenqualitäten, auch wenn man ahnt, dass einem in dieser permanent wiederholten Wirklichkeitsschlaufe der Sprung in der Schüssel bald wüst über die Nervenstränge quietschen würde. Die Komik bleibt immer öfter aus. Der Vater versinkt mehr und mehr in gnädiger Umnachtung. Seine Welt verschließt sich zusehends dem Besucher.Besonders weh tut es, zu erleben, wie der Vater den schleichenden Verlust seines Verstandes und seiner Kraft selbst erfährt: "Meine Federn, die sind fort", sagt August Geiger, traurig jedoch ohne Bitterkeit. "Mir ist alles unverständlich." Wie wappnet sich einer gegen das auf ihn einstürzende Chaos, die Unbegreiflichkeit der Welt, gegen die Erinnerungslöcher und Wahnvorstellungen? Wie geht er mit den ihm völlig unbekannten Personen um, die morgens an seinem Bett stehen, ihm sagen, er solle sich waschen und anziehen. Wer sind diese Menschen, die behaupten seine Kinder zu sein? Wie richtet man sich in der Fiktion ein? Und wie kapiert oder akzeptiert man als Angehöriger die hermetische Privatlogik eines Demenzkranken? Man kann ihn nur erreichen, vielleicht sogar beruhigen, indem man ihm in seine Fiktion folgt, seine Wahnwelt bestätigt, seine Toten hört und seine Gespenster sieht. Nur so kann man sie vielleicht verscheuchen. Die "Scheinheiligkeit der Wahrheit", so der Dichter, ist hier das Allerschlimmste, denn sie ist rücksichtslos gegenüber der Welt des Kranken.Wie fasst man sich ein Herz? Arno Geiger, der sich selbst als langsam denkenden Menschen beschreibt, lässt uns in seinem behutsamen Bericht teilhaben an einer riesengroßen Liebeserzählung. Er macht Mut, sich zur Unkenntnis, Ignoranz und Intoleranz zu bekennen und sich so einer großen Erfahrung zu öffnen. Hierin liegt etwas ungeheuer tröstliches. Sein Niederschreiben dieses Buches bezeichnet er, Derrida zitierend, als eine Bitte um Vergebung. Jede Geschichte sei eine Generalprobe für den Tod, denn jede Erzählung müsse an ein Ende gelangen. Arno Geigers Buch endet nicht mit dem Tod. Der Vater soll ein Recht auf ein offenes Ende haben, wie jede gute Romanfigur. Und dann "verbreitete sich plötzlich ein starkes Licht um mich her".-----------------------Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Hanser, München 2011. 189 S., 17,90 Euro.------------------------------"Das Leben ist ohne Problem auch nicht leichter", sagt der Vater einmal.Foto: Eine große Liebeserzählung voller Schmerz und Trauer, aber auch Komik: der Schriftsteller Arno Geiger und sein demenzkranker Vater August.