Arno Mohr zeichnete Weigel und Brecht

Als die "Berliner Zeitung" im Mai dieses Jahres an den 100. Geburtstag Helene Weigels erinnerte, wurde der Text, den ich zum Anlass schrieb, mit einem von Helmut Raddatz aufgenommenen Foto bebildert. Es zeigt die Weigel, wie sie sich sitzend über einen Tisch beugt, dabei ihren Kopf mit der rechten Hand stützt und sich freundlich mit einem unsichtbaren Besucher zu unterhalten scheint.Das Foto erinnerte mich sofort an die Bleistift-, Kohle- und Kreideskizzen, die Arno Mohr 1959 im Sommerhaus von Brecht und Weigel in Buckow gemacht hat. Mehrere von ihnen zeigen die Weigel in der gleichen Haltung, wie sie der Fotograf mit seinem Apparat aufgenommen hatte. Das Foto von Raddatz hält die freundlichen Gesichtszüge der Weigel bis in feine Äderungen und eine über das linke Ohr fallende Haarsträhne fest. Eine Kreidezeichnung der Weigel von Arno Mohr aus dem Jahr 1959 zeigt die Weigel in gekonterter Pose. Zu sehen ist auch nur der über den Tisch gebeugte Oberkörper, die Rücklehne des Stuhl ist angeschrafft, der Tisch nicht einmal gestrichelt. Stark, markant, durch die Dichte der Striche betont, sind nur das Gesicht, die Haare und die linke Hand, deren vier Finger sich an die Stirn stützen, zwischen Ring- und Mittelfinger eine Zigarette haltend. Der Blick des gesenkten Kopfs durch die stark markierte Brille ist ganz intensiv auf ein auf dem Tisch liegendes Buch gerichtet, vor dem die nur skizzierte rechte Hand, aus einem Kleid mit kurzem Ärmel ragend, liegt.Mohr hat den prägnanten Augenblick im Wortsinn erarbeitet mit eigener Hand, der vergegenständlichte Moment beginnt mit einer Linie, von der Hand gezogen, die sich vervielfältigt, gleichsam expeditionell vordringt in unbekanntes Gesichtsfeld, den Focus einkreist, seine Intensität erspürt, ihn zu eigenem Ausdruck zu verhelfen trachtet, alles, was für die "Bildaussage" nicht wesentlich ist, beiseite lässt. In Mohrs Grafikzyklus "Lebenslauf" findet sich auch ein grafisches Blatt, das den Titel "Brecht in Buckow" trägt. Halb angeschnitten ist Brecht zu sehen mit den ihm zugeschriebenen Attributen, der Mütze mit Schirm, der Zigarre, wie er mit den Händen auf dem Rücken, leicht gebeugt, auf das Gärtnerhaus in Buckow, in dem er hauste, zugeht. Seine Figur ist scharf abgehoben vor dem hellen See. Bildbestimmend ist eine kahle Föhre im Vordergrund, Brecht unter ihren dürren Ästen, vor sich das Haus, durch dessen Eckfenster auch ein Blick auf den See möglich ist, als Bildhorizont das jenseitige Ufer des Schermützelsees, an den oberen Rand des Blattes gerückt. Aber diese Grafik hat noch eine höhere Sinnbildhaftigkeit: Sie macht Brecht zum Symbol des "Wanderers auf dem Weg in die Berge ."