Der Auftritt hatte etwas von jenen Konzerten, bei dem die Vorband mehr hermacht als die Favoriten. Es war im Mai, kurz bevor die Biennale Venedig ihre Gartentore öffnete. Die Kunstkarawane machte einen Vorstopp in Leipzig - und staunte: Sieben junge Maler zeigten im Museum der Bildenden Künste unter dem Namen "Liga" "Neue Malerei". Und plötzlich bekam diese Ausstellung einen beinahe prophetischen Charakter. Die vermeintliche Rückkehr der realistischen Malerei durch junge Bildermacher von einer ostdeutschen Kunstakademie wurde gepriesen, dabei sehr wohl vom weltweit überstrapazierten Neo-Pop-Realismus der Neunziger Jahre unterschieden.Es war eben einmal nicht das Simultane des Medienzeitalters, das hier zum tausendsten Male per Konzeptkunst, Videoistallation oder dünnblütiger Schnellmalerei beschworen wurde, sondern die viel magischere, vielschichtigere des Surrealismus. Bei Sammlern, auch bei der Kritik, brach sich ein schierer Bilderhunger Bahn. Die sieben Maler um die Dreißig stammen aus ganz Deutschland und haben an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HfBK)studiert, der Schule, von der unlängst schon Neo Rauch kam und mit seinen Figurationen Weltkarriere machte.Hinter den Pinselschwüngen oder peniblen Pinselstrichen dieser "Liga"-Maler, die sich mittlerweile in der alten Baumwollspinnerei Leipzig/Schleußig in gemeinschaftlichen Ateliers eingemietet haben, stecken solides Handwerk und ein unbekümmertes Bekenntnis zur Tradition, die Figur und Gegenstand und Maler wie Max Klinger und Caspar David Friedrich, Dix und Kokoschka meint. Oder Mattheuer, Heisig und Tübke.Ein Leipziger Lehrer wie Arno Rink aber hat auch dafür gesorgt, dass diese junge realistische Malerei das Vokabular der Moderne kennt: des Surrealismus und Kubismus, des Konstruktivismus und der Farbfeldmalerei, des Fotorealismus und natürlich der Pop Art. Mittlerweile spricht man bis New York von der "Neuen Leipziger Malerschule" und setzt damit voraus, dass bis New York auch jeder weiß, was die "Leipziger Schule" einmal gewesen ist. Der Maler Arno Rink jedoch glaubt, der Begriff Leipziger Schule habe sich mit dem Herbst 89 erledigt, er sei ohnehin aus dem Westen gekommen, meint er, als wir ihn besuchen. "Leipziger Schule" ist für ihn DDR-Kunstgeschichte. "Wir haben uns um den Begriff genauso wenig geschert wie um den Sozialistischen Realismus ", so der einstige Heisig-Schüler. "Wir haben gemalt!"Rink zählt zu den bis dato vitalen Figuren der "zweiten Generation" der Leipziger Schule. Ihn prägte der Leistungsdruck im dortigen Milieu, dieses "Magnetfeld von polarisierenden Haltungen". Von da kommt seine malerische Verve, die aufgeladene Bildmetaphorik, das manieristisch-bizarre, tänzerische, stilisierte Menschenbild. Rink ist Jahrgang 1940; er lehrt seit 1979 an der Schule, an der er zum Maler wurde. 1987 wurde er Rektor, 1990 hat man ihn wiedergewählt, er blieb im Amt bis 1995. "Dann hat es gereicht!" Gegenwärtig zählt seine Fachklasse 35 Schüler, junge Leute, die auf Figur stehen. Nicht, weil ihr Professor es so will, sondern, weil sie es so wollen. Sie haben sich den Lehrer deswegen ausgewählt, einen, der in den Achtzigern Figurenbilder wie "Versuchung" (Nationalgalerie) gemalt hat oder "Wir sitzen alle in einem Boot - ein makabres, die Zerstrittenheit und Einsamkeit thematisierendes Porträt der Leipziger Malerschaft - samt Willi Sitte, dem damaligen VBK-Präsidenten.In Rinks Atelier in Leipzig/Schleußig begegnen wir einem Maler, der die geheimnisvolle Schönheit des weiblichen Körpers feiert. In seinen stark vom Zeichnerischen kommenden Kompositionen dominieren eine exaltierte Gebärdensprache und Gestik, der gekonnte trockene, etwas unterkühlte Farbauftrag ist am Manierismus des 16. Jahrhunderts geschult. Versuchung, Sex, Laster sind Rinks Themen, Motive, die eine fremde Welt auftun und infrage stellen. Jedes Bild ist wie ein vergeblicher Versuch, das Irrationale zu bannen, die appolinische Vernunft siegen zu lassen über das dionysische Grauen. Es sind tief beunruhigende Fantasien in diesen Bildern, aus ihnen kommt eine Wirklichkeit, die man verdrängen kann, tilgen lässt sie sich nicht. Der Maler indes sagt: "Ich liebe die Figuren, die ich male. Es ist nie vorrangig Gesellschaftskritik. In der Tradition der Allegorie geht es um Schönheit, Verführungskunst, um - im Brechtschen Sinne - um Eitelkeit, Gewalt und Schmerz." Die Mauer habe der Leipziger Schule die Bedingungen geschaffen, behauptet Rink. "Es gab keine Irritationen durch die Moderne, etwa durch Beuys. Wir haben uns in unserer klassischen Tradition eingerichtet, haben fleißig Handwerk trainiert. Kamen wir mit unseren Bildern doch mal raus, sahen wir so anders aus. Wieder daheim, machten wir weiter, wohl wissend, dass Draußen was Anderes passiert."Dass nun gerade in seinen Mal-Klassen, 14 Jahre nach der Wende und dem Abgesang der realistischen Kunst, wieder mit Verve figürlich und gegenständlich gemalt wird und etliche seiner Schüler damit sehr erfolgreich sind, erscheint als Phänomen. Rink indes erklärt es sich anders: Die scheinbar allmächtige Computer-und Videokunst langweilt inzwischen. Tradition ist wieder gefragt, und der Markt und die Sammler entwickeln dafür Leidenschaften. Studenten heute, die "realistisch" längst nicht mehr verbinden mit "ideologisch" - wie es an mancher westdeutschen Akademie noch gepredigt wird, als lebte man noch im Kalten Krieg, wollen zu Lehrern wie Arno Rink. Er weiß das zu schätzen und verachtet zugleich das Epigonale. Wenn es heiße, er habe 35 Schüler und jeder sei anders, dann sei das für ihn ein Lob, meint er. Er möchte, dass seine Schüler "zu ihrem ureigenen Ausdruck" kommen. Nicht wegen der raschen Ergebnisse für den Markt, sondern um der Fähigkeiten und der Selbstgewissheit willen für einen Beruf, "der selten wohlhabend macht, aber die Möglichkeit bietet, Kreativität auszuleben."Dass Rink "altmodischerweise" bis zu sieben Jahren an einem Bild malt, ist für seine Schüler freilich undenkbar. Er malt Einzelbilder, jedes ist für sich komponiert; sie malen Serien, oft nach Fotografien oder Videostills. Rink glaubt, das Serielle habe starken Einfluss auf die Andersartigkeit der jungen Malerei, egal ob realistisch oder abstrakt. Bedenkenträgern, die monieren, seine Absolventen seien zu früh erfolgreich, entgegnet er, für Erfolg gebe es keine Altersvorschriften. Zugleich mahnt er die Jungen: "Gebt kein Bild aus den Händen, das Ihr zu schnell gemacht habt!" Und wenn es vorbei ist mit dem Boom? Für Rink sollen sie dann "stark genug sein, um weiterzuarbeiten. Es geht nicht um den fixen Ruhm. Es geht um die Intelligenz der Form."Intelligenz der Form, diese Rinksche Maxime liebt Tilo Baumgärtel, einer der erfolgreichen "Ehemaligen". Er war bis 2000 bei Rink, zuletzt als Meisterschüler. Gerade hat der 31-Jährige eine Ausstellung in der Leipziger Galerie Kleindienst. Wir stehen vor weit ins Bild gespannten Schwarz-Weiss-Szenerien, die etwas Beklemmendes haben, denn die Figuren darin wirken wie fremdbestimmt. Spaß und Ernst, Lachen und Ängste verursachen ein Wechselbad der Gefühle. Spuren der Kindheit sind darin, Ängste, Phobien, Rätsel. Die Figuren und Dinge sind mit surrealer Bedeutung aufgeladen: Zimmer, Haus, Steg, Boot, einsame Mädchen, Kameras mit Fangarmen und immer wieder sanfte, aber monströse Insekten. Er sehe, so erklärt Baumgärtel, in diesen Insekten all die kleinen elektronischen Geräte und Schaltkreise, die unseren Alltag bestimmen. Seine eher kuriose Sicht auf die Realität hat Arno Rink beizeiten als etwas Besonderes erkannt, " Ich konnte das ausspinnen, er ließ mir Zeit", resümiert Baumgärtel seine Jahre an der HfBK, "ein Privilleg, an das ich ganz melancholisch zurückdenke."Katrin Heichel und Franziska Holstein aus dem 4. Studienjahr der Rink-Klasse teilen sich einen hohen, hellen Schul-Raum. Dem Eintretenden leuchtet aus großen Bildtafeln kühne Farbigkeit entgegen: Rot, Blau, Grün, Gelb, Orange. Dabei ist es erst gut ein Jahrzehnt her, dass hier noch Teer in die Farben gemischt wurde, eine düstere, zweiflerische Stimmung in die Bilder kam. Katrin Heichel hat auf ein leuchtendes Blau einen engelsgleichen Kinderkopf gemalt, ein Motiv wie aus der Schokoladenwerbung. Ihr Thema, so die Leipzigerin, seien Idole: Pop-Ikonen, Mädchenträume, Sportidole, "Erscheinungen", sagt sie, "die ich in ihrer Überzogenheit durch die Mediengesellschaft sehr skeptisch sehe." Und wie sieht ihr Lehrer das? "Er trimmt uns nicht auf Ergebnisse", erwidert Katrin, "Er lässt uns Zeit, weil er will, dass nicht er, sondern wir uns den Druck selber machen. Aus Ehrgeiz und Lust und Neugier." Und Franziska Holstein setzt hinzu: "Hier müssen wird uns noch nicht als Künstler definieren, wie an westlichen Kunstakademien. Man darf an einer Arbeit auch mal scheitern, ohne gleich die Krise zu kriegen." Gerade malt sie eine Serie zur eigenen Biografie. Porträts naher Menschen entstehen nach Fotos, Selbstbildnisse sind zu sehen, auf einer nächsten großen Tafel setzt sie sich mit Architektur auseinander - aus abstrakten Formen werden realistische. Aber das kann sich wieder völlig verändern, ist eben ein "Probierbild". Noch hat sie, was ja so kostbar ist: Zeit.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER (4) Es geht ums Können abseits des Epigonalen, nicht um rasche Ergebnisse: Rink-Schülerin Katrin Heichel, einstiger Rink-Meisterschüler Tilo Baumgärtel in seiner Schau in der Galerie Kleindienst, Rink-Schülerin Franziska Holstein (v. l. ).Im Atelier: Für den Maler und Lehrer Arno Rink war die Leipziger Schule ein "Magnetfeld polarisierender Haltungen".