Vom Tode, von der Furcht des Todes, hebt alles Erkennen des All an" - mit diesen Worten eröffnete der Philosoph Franz Rosenzweig sein Hauptwerk "Der Stern der Erlösung", und wir fügen hinzu: Vor dem Tode blamiert sich auch alles Erkennen. Da mag man religiös reden, philosophisch oder materialistisch, was helfen die Schulen der ars moriendi, der Kunst zu sterben, am Ende? Oder um nochmals mit Rosenzweig zu sprechen, der sein Buch mitten im Ersten Weltkrieg begann: "Mag der Mensch sich wie ein Wurm in die Falten der nackten Erde verkriechen vor den herzischenden Geschossen des blindunerbittlichen Tods - die Philosophie lächelt zu all dieser Not ihr leeres Lächeln und weist mit ausgestrecktem Zeigefinger das Geschöpf auf ein Jenseits hin, von dem es gar nichts wissen will."Die Basler Theatergruppe CapriConnection um die Regisseurin Anna-Sophie Mahler hat aus dem Geschwätz, das einer der geschwätzigsten Philosophen, Jean Baudrillard, über den Tod absonderte, unter dem Titel "Ars moriendi" einen so amüsanten wie nachdenklichen Abend geformt, der nach der Uraufführung in Basel im Hau 1 gastiert.Die Bühne ist mit weißen Podesten vollgestellt, auf ihnen die Apparaturen der Aufbewahrung und Reproduktion von Vergangenem und Totem: Vitrinen, Vasen, Bücher, ein Tonband, ein Fernseher. Primaten betreten den Raum und wissen nicht, dass sie sich erinnern sollen. Dazu erklingt ein Baudrillard-Zitat vom Aufbewahrungstrieb unserer Kultur, gut beobachtet, witzig übertrieben, am Ende eine geistreich verpuffende Wolke: Mag sein, dass viel Hochkultur von vornherein für Archive und Museen produziert wird; daraus abzuleiten, dass wir vor allem produzieren, um von späteren Zivilisationen wiederentdeckt zu werden, wie Baudrillard meint, ist schon aus ökonomischen Gründen Unsinn: Davon hätte das produzierende Gewerbe nichts.Gleichviel, Baudrillards Thesen waren für manch intellektuelles Scharmützel gut genug, so auch hier: Die Primaten nehmen ihre Affenmasken ab, und eine gibt sich als Claudia Gehrke aus, die in den 70er Jahren den Konkursbuch-Verlag gegründet und 1983 zu einer Diskussion über den "Tod der Moderne" eingeladen hat. Und nun erinnert sie sich an diese Tage, an die Diskutanten - neben Jean Baudrillard waren der Philosoph Ulrich Sonnemann, der Bataille-Herausgeber Gerd Bergfleth und der Soziologe Michael Rutschky von der Partie - und auch an die Argumente.Aber die Argumente sind morsch geworden. Vier Schauspieler, Susanne Abelein, Christian Dieterle, Thomas Douglas und Cathrin Störmer, referieren so virtuos wie halbseiden hochtrabendes Zeug, man ist fast versucht, mitzuschreiben, um zu folgen - aber schnell zerfasert die Substanz zwischen den gesuchten Worten. Der Fernseher beginnt zu flimmern, Baudrillards Abbild höchstpersönlich. Jetzt kann man ihn noch einmal befragen: Meinten Sie das so oder eher so? Doch der Philosoph stützt nur das Kinn auf die Hand und schweigt. Die Gedanken greifen nicht."Verstehen Sie, was Derrida, Focault oder Baudrillard sagen? Das ist doch alles Schaum!" sagte der Komponist György Ligeti kurz vor seinem Tod. Ligetis Denken war naturwissenschaftlich geschult, er wird also, ähnlich wie der amerikanische Physiker und Postmoderne-Parodist Alan Sokal, schon terminologisch den Franzosen nicht getraut haben. Angesichts des Themas "Tod" jedoch hat ein Musiker jedes Recht, der Tragweite der Sprache zu misstrauen. Wo die Rede zum Gerede wird, wohnt jedem Klingen im Verklingen die Erfahrung von Vergänglichkeit inne. "Vielleicht ist das dein Problem, dass du dir alles immer nur vorstellst", sagte einer zum anderen und enthüllt dessen intellektuellen Höhenflug als flügellahm, weil um die Erfahrung gekürzt. Was für ein Ernst liegt da in einer Harmoniefolge, wie sie die von Anthony Rooley geleiteten Bläser der Schola Cantorum Basiliensis aus dem Repertoire des englischen Hochbarock schöpfen! Henry Purcells Marsch aus der Trauermusik für Queen Mary wird da zum Menetekel: Zu ihren Klängen spielen die Figuren Reise nach Jerusalem; bricht die Musik ab, bedeutet das den Tod für einen von ihnen. Die bitterlieblich chromatischen Klänge von Purcells "Death Sentences" für Chor a capella, aus den Abgründen eines echohaften pianissimo geborgen von den virtuosen Sängern der Schola Cantorum, werden ihm ins Grab nachgeschickt.Weitere Aufführungen 26./27. 6., 19.30 Uhr im Hau 1 T.: 25 90 04 27------------------------------"Das ist doch alles Schaum!" Ligeti über Baudrillard