0 Uhr 30

Geisterliebe und Polterdiebe

Unsere Autorin lauscht den Tönen der Nacht und stellt fest, dass Wohnungen manchmal Ähnlichkeiten mit Beziehungen haben.

Melanie Reinsch
2 Min
Berlin bei Nacht.

Berlin bei Nacht.

© dpa Lizenz

Erst ein Knacken, dann ein Knarzen, dann Stille. Und wieder von vorne. Was ist das? Woher kommt das? Wer macht das und wieso? Ein Geräusch, so unverkennbar und doch so fremd, dass man es nicht ignorieren kann.

Ich lausche. Ich höre. Ich grüble. Und bewege mich nicht. Das macht man so, glaube ich in Krimis gelernt zu haben. Denn man könnte das Geräusch/den Einbrecher/das Tier/den Poltergeist ver- oder aufscheuchen. Ersteres wäre gut, Zweites vielleicht nicht ganz so. Meine jahrzehntelange Krimi- und Thrillerleidenschaft von „Miss Marple“ über „Tatort“ bis hin zu „Saw“ Teil I bis Teil Ich-weiß-es-nicht-mehr hat mich die Obacht gelehrt.
Dann ist das Geräusch weg. Es will nicht wiederkommen, so stocksteif und starr ich auch im Bett liege.

Hellwach bin ich nun. Draußen brettert ein Motorrad vorbei. Aus den Tiefen des Daunenbettes fühlt es sich an, als ob es mit 220 durch das Wohngebiet düst. Ich richte mich innerlich auf quietschende Bremsen und Krankenwagensirenen ein. Doch nichts passiert.

Ich glaube, es regnet, denn die Autos klingen lauter als sonst. Matschiger irgendwie. Dann schreit ein Baby. Oder ein Kind. Das könnte das Kind unter mir sein oder eins darüber. Vielleicht auch nebenan. Hatten die nicht Besuch? Die Uhr in der Küche tickt. War die immer schon so laut? Ach nein, die Tür ist offen. Drööhm, drööööhm, drööööhm, macht es nun. Was zum Teufel …? Oh ja, der Kühlschrank. Nun ein Klappern. Ein Nachbar klimpert mit seinem Haustürschlüssel. Wer kommt denn da gerade nach Hause?

Neue Wohnungen beziehungsweise neue alte Wohnungen – also Wohnungen, die man neu bezieht, die aber schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben – sind ein bisschen wie Beziehungen, denke ich. Macken, Eigenarten, Feinheiten und Besonderheiten erkennt man, beziehungsweise hört man erst nach vielen Jahren des Zusammenlebens, des Aneinandergewöhnthabens. Irgendwann gehört der Poltergeist dazu. Das Tier, das unter den Dielenböden lebt, genauso. Auch den Dieb hat man irgendwann lieb gewonnen. Und bald kann man gar nicht mehr ohne das Geräusche-Team einschlafen. Als mich um sieben Uhr der Presslufthammer weckt, weiß ich aber auch, dass das nicht unbedingt so sein muss.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de