Falls Sie das Gefühl haben, Ihre Umwelt schenke Ihnen nicht genug Aufmerksamkeit; falls Sie gern aufmunternde Worte hören wollen, darob, dass Sie das patenteste und geduldigste Lebewesen auf Erden seien; falls Sie es mögen, im Stundentakt nach Ihrem Wohlbefinden und der Unversehrtheit Ihres Körpers gefragt zu werden: Dann kaufen Sie sich – in allen dieser Fälle – etwas bei Ikea, das von Ihnen eigenhändig aufgebaut werden soll, und informieren Sie Ihren Freundeskreis möglichst weitläufig über dieses Vorhaben. Nebenbei noch eine weitere Prognose: Falls alle diese Fälle der Fall sind, dann sind Sie vermutlich eine Frau. Erstaunlicherweise gelingt uns auf diesem Feld das seltene, fragwürdige Kunststück, zu jammern und gleichzeitig kompetent rüberzukommen.
Die Chronik eines angekündigten Selbstaufbaus ist vergleichbar jener freiwilligen Selbsterpressung, in die man sich begibt, wenn man allen erzählt, dass man mit dem Rauchen aufgehört hat und diesmal ganz bestimmt durchhalten wird. Nur dass das Mitleid viel größer und geradezu lupenrein ist, wenn es statt um Qualm um Malm geht.
Keiner lacht höhnisch, wenn man an der Aufbauanleitung scheitert (wie vor zwei Wochen an dieser Stelle beschrieben); keiner kommt einem mit diesen elenden „Du musst mal …“-Sätzen, weil er von Natur aus besser weiß, wie man den Gitterdrahtschrank aus der Kollektion Ikea PS 2014 zusammengeschraubt bekommt (Vorsicht, nicht die langen Schrauben für die Garderobenstange verwenden); keiner sagt sowas wie „Schaffst du doch sowieso nicht“. Stattdessen wird zartfühlend nachgefragt, wie es denn persönlich und in der Sache vorangehe. Nun ja. Um es in Fernsehprogramm-Ewigkeiten auszudrücken: Ich beginne bei „Der letzte Bulle“ und bin mit Ende des ZDF-Montagskinos noch lange nicht fertig.
Das liegt allerdings auch daran, dass ich der Weisheit vom geteilten Leid aufgesessen bin und danach trachte, möglichst viele Menschen multimedial an meinem Heimwerken zu beteiligen. Also twittere, facebooke, simse, maile und whatsappe ich, wann immer ich den Akkuschrauber oder irgendein sprödes Seitenteil aus der Hand gelegt habe. Vielleicht ist das hier eines der letzten Reservate der Galanterie; die Männer in meinem Freundeskreis – insgesamt eher keine Türauf- und Mantelhinhalter – antworten nämlich in vollständigen Sätzen voller Zuversicht und charmanter Wendungen. Vielleicht ist Heimwerken bei Frauen das, was früher das Taschentuchfallenlassen war? So eine Art: Kuckuck, der Herr!? So ein kokettes Aufsichaufmerksammachen?
Ich habe den Schrank mittlerweile an die richtige Stelle geschubst und ärgere mich über mich selbst. Weil ich gerade die letzte Nachricht von K. gelesen habe: Statt stundenlang rumzusimsen, so schreibt er mir, hätte ich auch einfach fragen können, ob er mir hilft. Ziemlich blöd, dass ich darauf nicht gekommen bin. Aber ich wollte ja unbedingt halböffentlich leiden.
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