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Rosen treten ist keine Lösung

In unsere Kolumne erzählen Lokalreporter täglich Geschichtenaus ihrem Nachtleben in der Hauptstadt

Susanne Lenz
2 Min
Berlin bei Nacht.

Berlin bei Nacht.

© dpa Lizenz

Seit einiger Zeit gibt es am Ende meiner Straße eine Art öffentliches Büro. Für das, was dort stattfindet, hat die deutsche Sprache keinen eigenen Begriff: Man spricht von Co-Working. Übersetzt heißt das Zusammenarbeiten, aber das trifft es nicht. Die Menschen, die in der Ladenwohnung an der Neuköllner Weserstraße aufeinandertreffen, arbeiten nicht zusammen, sie arbeiten am selben Ort.

Manche mieten einen festen Schreibtisch, manche einen Arbeitsplatz für einen Tag. Es gibt WLAN und eine Kaffee-Flatrate. Die Tische und Bänke sind aus grobem Holz, flüchtig weiß überpinselt. Das Büro auf Zeit zieht vor allem junge Männer an, viele von ihnen tragen Hipster-Bärte.

Es gehen höchst angenehme Schwingungen aus vom „Weserland“, wie der Laden heißt. Den Sommer über stand zur Mittagszeit ein Tisch auf dem Bürgersteig, an dem gegessen wurde. Es gab köstlich aussehende Salate und Gespräche, bei denen verschiedene Sprachen durcheinander flogen. Um den Straßenbaum haben sie ein Blumenbeet angelegt, dessen Mittelpunkt ein hochgewachsener Rosenstrauch ist. Eine schöne Art, sich die Stadt anzueignen, wie ich fand.

Nachts ist das „Weserland“ zu. Dann wird auf der Straße gefeiert, nicht gearbeitet. In einer Nacht geschah es, dass jemand die Rose umtrat. Kurz darauf hing ein Zettel an dem Baum im Blumenbeet: „Rosen treten ist keine Lösung…“, stand darauf. „… auch nicht an Montagen. Nein, auch nicht, wenn Du schon lange keinen Sex mehr hattest.

In dem Fall hilft nur nett sein und Sex haben. Und nein, Rosen müssen auch nicht aus irgendwelchen politischen, religiösen oder sonst welchen ideologischen Gründen getreten werden. Wer auch immer das gesagt hat, lügt. Und wenn es Dir wirklich unmöglich ist, Dich in diese Rose reinzufühlen und zu realisieren, dass sie ein Lebewesen ist mit dem Willen zum, und Freude am Leben, und Du meinst, diese Rose treten zu müssen, dann hoffe inständig, dass es kein Leben nach dem Tod oder Wiedergeburt gibt und bete, dass Dich niemand erwischt.“ Als ich wieder vorbeikam, lag der Zettel neben den verblühten Blumen im Beet.

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