0 Uhr 30

Sonderzug nach Gaga

Unser Autor Yulian Ide dachte bis vor Kurzem, dass die Berliner die größte Portion Gaga mitbrächten. Doch dann begegnete er im Zug auf dem Weg vom Westen Deutschlands in den Osten zwei ungewöhnlichen Menschen - aus Ostfriesland und aus Österreich.

Yulian Ide
3 Min
Unser Autor dachte bis vor Kurzem, dass die Berliner besonders verrückt sein können. Dann traf er zwei besonders ungewöhnliche Menschen.

Unser Autor dachte bis vor Kurzem, dass die Berliner besonders verrückt sein können. Dann traf er zwei besonders ungewöhnliche Menschen.

© imago/Gerhard Leber Lizenz

An Berlin liebe ich vor allem, dass fast jeder hier eine gehörige Schramme hat. Unsere Portion Gaga haben wir meiner Meinung nach dem Rest der Republik voraus. Die Kölner mögen sich einen Tag im Jahr ordentlich jeck fühlen, an den restlichen 364 Tagen führen aber wir Berliner die Hitparade der sympathischen Sockenschüsse an. Dachte ich zumindest.

Vor kurzem bin ich nämlich mit dem Zug von West nach Ost durch Deutschland gefahren und war auf vollkommen zurechnungsfähige und konventionelle Mitfahrer eingestellt. Schließlich fuhr ich auf dem Weg nach Berlin so betont unaufgeregte Käffer wie Hude, Nienburg und Helmstedt.

Aber bereits mein erster Sitznachbar gerät in eine seltsame Verzückung, als ich dem Schaffner mein Ticket zeige. „Sieht ja haargenau aus wie meins! Bist du auch einberufen worden?“, fragt mich der etwa 40-jährige Mann. Ich verstehe nicht ganz. Sehen nicht alle Tickets ungefähr gleich aus? „Nein, ich fahre nur nach Hause“, erkläre ich ihm den Grund meiner Reise. „Nach Berlin.“

Ihn interessiert das nicht. Sichtlich aufgeregt erzählt er mir, er komme aus Ostfriesland und sei einberufen worden. „Zum Dienst am Kochlöffel!“ Geübt im Umgang mit Verwirrten und Verrückten, nicke ich seine höchst sonderbare Geschichte artig ab und antworte einsilbig. Seine Ekstase lässt gerade nach, als eine Frau in Tarnfleckkleidung unser Abteil betritt und meinen Sitznachbarn anbrüllt: „Du hast schmutzige Gedanken!“ Sie hat einen österreichischen Akzent.

Zwischen dem Ostfriesen und der Österreicherin entspinnt sich ein Streitgespräch über die vermeintlich schmutzigen Gedanken des ersteren. Ich sitze schweigend dazwischen, und frage mich, ob ich versehentlich bei der versteckten Kamera oder in einer rollenden Irrenanstalt gelandet bin. Schließlich wird über die Lautsprecher der nächste Halt angesagt, es ist Magdeburg.

Die Österreicherin in Tarnfleck wiederholt die Durchsage, wobei sie das „Ma“ von Magdeburg blökt, als sei sie ein Schaf: „Ma-ha-aha-hagdeburg! Hier muss ich raus.“ Auch der Ostfriese springt nun auf und ist nun sichtlich glücklich: „Ich auch. Dann können wir ja zusammen gehen!“ Hakt sie unter und zieht sie Richtung Tür. Ich bleibe zurück und freue mich mehr denn je auf Berlin. Und auf all die angenehm gewöhnlichen Berliner.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema