Die Ausgangslage: Eine ganze Fußballepoche von mittlerweile zehn Jahren ist es nun her, dass Hertha BSC irgendein Erfolgserlebnis auf Schalke feiern durfte. Seit 2005 haben die Berliner hier weder einen Punkt erspielt noch ein Tor geschossen. Eine solche Serie ist spektakulär und in der Bundesligageschichte sogar einzigartig, Hinweise auf zukünftige Ergebnisse lassen sich aus so einem statistischen Fakt aber nicht ableiten. Und aus Berliner Sicht war vor dem Spiel ohnehin ein anderes Detail aus dem Zahlenwerk der Fußballwelt interessanter: Der Besuch in Gelsenkirchen war zu einer Art Spitzenspiel geworden, der Tabellenvierte trat beim Tabellendritten an. Zumindest für den Moment handelte es sich um ein direktes Duell im Kampf um die Qualifikation für den Europapokal.
Das Ergebnis: Natürlich war dieser Sieg am Ende irgendwie verdient, die Schalker hatten mehr Ballbesitz, sie haben mehr Zweikämpfe gewonnen und eine deutlich höhere Anzahl an Chancen gehabt. Kein Wunder bei einem Team, das in einem Heimspiel über 70 Minuten in Überzahl spielt. Aber der Siegtreffer zum 2:1 fiel erst in der Nachspielzeit, ginge es im Fußball um Moral und Willensstärke hätte die Hertha sich in diesem Spiel mehr verdient als nur Respekt und Anerkennung für eine starke Leistung.
Die erste Hälfte: Das Spiel begann flott, beiden Teams war anzusehen, dass die Saison erfolgreich ist, die Spieler trauten sich etwas zu, spielten mutig und suchten auch unter Druck fußballerische Lösungen. Große Chancen hatten aber nur die Schalker – jeweils nach hohen Bällen: Zunächst köpften Leon Goretzka (8.) und Franco Di Santo (10.) noch zu ungenau, in der 22. Minute traf Benedikt Höwedes dann nach einer Ecke zum 1:0. Da spielte die Hertha nach einer roten Karte für Vedad Ibisevic zwar schon in Unterzahl, blieb aber trotzdem mutig und risikofreudig. Zur Pause sah es zwar nicht gut aus für die Gäste, aber hoffnungslos war die Lage keinesfalls.
Die zweite Hälfte: Nun war der ehemalige Schalker Alexander Baumjohann für Tolga Cigerci im Spiel und auch nach der Pause musste man genau hinsehen, um zu erkennen, dass hier ein Team in Unterzahl spielte. Natürlich waren die Schalker als gastgebendes Spitzenteam mit einem Mann mehr irgendwie überlegen und torgefährlicher, aber auch die Berliner spielten sich immer wieder gut vor das Tor der Gelsenkirchener. Lange fehlte nur die Durchschlagskraft. Irgendwann wurden die Schalker dann etwas nachlässig, vorne vergeudeten sie ihre Möglichkeiten immer leichtfertiger und in der Defensive ging die Konsequenz verloren. So dass Salomon Kalou erst den Ausgleich köpfte (71.) und Fabian Lustenberger nach 83. Minuten beinahe sogar den Berliner Siegtreffer erzielt hätte. Doch dann kam der Nackenschlag, als Leroy Sané bis zur Grundlinie dribbelte, den Ball auf Max Meyer zurücklegte, der die Arena mit seinem Treffer in einen Zustand der Ekstase versetzte.
Der Mann des Spiels: Salomon Kalou war überall. Der Ivorer begann als Stürmer, wechselte nach Ibisevics Platzverweis auf den rechten Flügel, half mit grandiosem Einsatz die Seite zu schließen und tauchte trotzdem immer wieder im Angriff auf. Nach 72 Minuten krönte er seine brillante Leistung mit dem Treffer zum 1:1.
Die größte Schwäche der Hertha: In vielen Phasen hatten die Berliner den FC Schalke in diesem schweren Auswärtsspiel ganz gut im Griff, selbst in Unterzahl war das Zentrum meist dicht, allerdings gab es ein großes Problem auf den Flügeln. Wenn Schalke gefährlich wurde, dann durch Kopfbälle nach Flanken, die wieder und wieder gefährlich in den Strafraum geschlagen wurden. So fiel auch das 1:0 von Benedikt Höwedes, der eine Ecke von Johannes Geis ins Tor köpfte.
Die Dummheit des Spiels: Vedad Ibisevic ist nach seiner langen Krisenzeit beim VfB Stuttgart in Berlin wieder zu einem großartigen Bundesligastürmer geworden, zuletzt erschien diese Verwandlung wie eines dieser zauberhaften Märchen, die der Fußball immer wieder erzählt. Nun hat aber auch die Berliner Zeit von Ibisevic ihren Schatten: Völlig unnötig trat der Bosnier nach 18 Minuten Max Meyer in die Beine und flog vom Platz. Seine Kollegen mussten über 70 Minuten in Unterzahl spielen.
Das Glückskind des Tages: Der lange verletzte Schalker Kapitän, Weltmeister und Publikumsliebling Benedikt Höwedes stand zum ersten Mal in dieser Saison in der Startelf des Revierklubs und köpfte nach 22 Minuten das 1:0. Es war ein großer Moment für das Schalker Herz, der nur noch übertroffen wurde vom wilden Jubel über den Siegtreffer in der Nachspielzeit.
Die Erkenntnis: Die Hertha bestreitet mittlerweile auch so ein Auswärtsspiel bei einem Spitzenklub mit großem Selbstvertrauen, das Spiel wird mutig aufgebaut, auch unter Druck werden spielerische Lösungen gelöst, nicht einmal in Unterzahl änderte sich das. Und die Einsatzbereitschaft und die Widerstandsfähigkeit der Mannschaft von Pal Dardai sind wahrlich imposant, an diesem Tag fehlte nur ein wenig Glück.
FC Schalke 04: Fährmann - Riether, Höwedes, Matip, Aogo - Sané, Goretzka (76. Højbjerg), Geis, Meyer - Di Santo, Choupo-Moting
Hertha BSC: Jarstein - Weiser, Langkamp, Lustenberger, Plattenhardt - Skjelbred, Darida, Haraguchi (81. Hegeler), Cigerci (46. Baumjohann) - Kalou (90.+1 Brooks), Ibisevic
Schiedsrichter: Fritz (Korb) - Zuschauer: 61 336 Tore: 1:0 Höwedes (27.), 1:1 Kalou (73.), 2:1 Meyer (90.+2) Gelbe Karten: Di Santo (2), Geis (3), Höwedes (1) / Darida (2), Haraguchi (2), Hegeler (1), Langkamp (2); Rote Karten: - / Ibisevic (18./grobes Foulspiel)
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