Bundesliga-Alltag steht an

1. FC Union Berlin: Zwischen Belohnung und Bestrafung, Madrid und Hoffenheim

Die Köpenicker haben weniger als drei Tage Zeit, die Niederlage in Madrid zu verarbeiten. Das nächste Spiel in der Bundesliga wird richtungsweisend.

5 Min
Frederik Rönnow (r.) hielt in Madrid alles, was zu halten war. Einmal wurde er aber doch noch von Jude Bellingham bezwungen.

Frederik Rönnow (r.) hielt in Madrid alles, was zu halten war. Einmal wurde er aber doch noch von Jude Bellingham bezwungen.

© Alvaro Medranda/IMAGO

Von einer „Belohnung“ hatte Urs Fischer gesprochen. Das Gastspiel des 1. FC Union Berlin in der Champions League bei Real Madrid sei, so der Schweizer im Vorfeld, das Resultat der herausragenden letzten Bundesliga-Saison, die die Eisernen sensationell auf Platz vier abgeschlossen hatten. Der Trainer wollte, dass seine Spieler die Begegnung mit dem wohl spektakulärsten Fußballverein der Welt neben aller sportlichen Ernsthaftigkeit auch genießen sollten. Eine Partie im legendären Estadio Santiago Bernabéu kommt schließlich nicht alle Tage.

Am Ende, etwas mehr als 94 Minuten waren gespielt, lag zwischen der ursprünglich mal angedachten Belohnung und einer faustdicken Bestrafung nur noch ein schmaler Grat. Die Köpenicker waren gerannt, sie hatten gekämpft, den haushohen Favoriten phasenweise schwer entnervt und standen am Ende doch als Verlierer auf dem Platz. Jude Bellingham erzielte tief in der Nachspielzeit den entscheidenden Treffer des Abends. 

„Die Mannschaft hat wirklich alles aufgewendet, was möglich war“, sagte Fischer auf der anschließenden Pressekonferenz etwas mehr als eine Stunde nach Abpfiff des ersten Champions-League-Spiels der Vereinsgeschichte. Was sollte er seinem Team auch vorwerfen? In der Anfangsphase hatte Union sogar noch mutig nach vorne gespielt, durch Kevin Behrens zwei Torannäherungen verbucht (3., 7.). Doch mit zunehmender Spieldauer, spätestens in den Minuten vor der Halbzeit, nahm das Starensemble von Trainer Carlo Ancelotti immer mehr das Heft des Handelns in die Hand.

„Die Beine sind schwerer geworden und dann haben wir Bälle nicht sauber genug und zu oft unpräzise gespielt“, erklärte Behrens, der neben aller berechtigten Enttäuschung auch „Stolz“ verspürte.

Während Stürmer und Trainer weit unten in den Katakomben des Stadions die Niederlage in Worte zu fassen versuchten, verließen die letzten Union-Fans einige Stockwerke weiter oben das Bernabéu. Vor der Partie war es auf dem Weg zum Stadion zu Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen, die Anhänger durften mehrere Zaunfahnen nicht mit in den Block nehmen. Hunderte Fans verpassten das historische Ereignis. Die, die ihre Mannschaft aufopferungsvoll kämpfen sahen, sangen „Always look on the bright side of life“ und in Richtung des Anhangs der Hausherren: „In Europa kennt euch keine Sau.“ Weder Optimismus noch Galgenhumor konnte ihnen der späte Tiefschlag nehmen.

Auf der anderen Seite war das 0:1 in Madrid nach dem 0:3 gegen RB Leipzig und dem 1:2 beim VfL Wolfsburg bereits die dritte Pleite hintereinander. Am Sonnabend (15.30 Uhr) kommt nun die TSG Hoffenheim ins Stadion An der Alten Försterei. Eine Partie, der angesichts der jüngsten Negativerlebnisse eine große Bedeutung zukommt. Und die Fischer vor eine Herausforderung stellt, denn aus dem Vollen schöpfen kann der Trainer aktuell nicht.

Neben András Schäfer, Rani Khedira und dem gesperrten Kevin Volland wird auch Robin Knoche weiter ausfallen. Der Abwehrchef wurde am Mittwoch zwar glänzend von Leonardo Bonucci bei dessen Union-Debüt vertreten, doch der Italiener hielt nicht bis zum Ende durch, musste wegen muskulärer Probleme nach 80 Minuten ausgewechselt werden. Auch bei Spielern wie Behrens, Lucas Tousart oder Aissa Laidouni wirkte es angesichts der enormen Laufleistung so, als ob ihnen eine Pause sicherlich guttun würde.

Um den Kopf seiner Spieler sorgt sich Urs Fischer nicht

Andererseits ist aktuell nicht die Zeit für Experimente und alle Beteiligten wissen, dass die Kraichgauer derzeit alles andere als Laufkundschaft verkörpern. Drei Siege hat Hoffenheim in der laufenden Spielzeit bereits eingefahren, dabei immer drei Tore erzielt. Schwerstarbeit dürfte also auf die Defensive um Torhüter Frederik Rönnow zukommen, der im Bernabéu einmal mehr untermauerte, dass er mittlerweile zu einem sehr guten Torhüter gereift ist.

Der Däne parierte zum Teil spektakulär gegen die herausragenden Einzelkönner aufseiten des Gegners. Ganz egal, ob es Luka Modric, Rodrygo oder Joselu versuchte, Rönnow war zur Stelle. Ob man für die anstehende Aufgabe in der Bundesliga etwas mitnehmen könne, wurde der Schlussmann gefragt. „Selbstvertrauen“, sagte Rönnow, solle die Leistung der Mannschaft geben. Wohl wissend natürlich, dass beide Spiele nicht vergleichbar sind und auch im Kopf der Schalter von Madrid zu Hoffenheim, von Champions League zu Bundesliga, von Bernabéu zu Alter Försterei erst wieder umgelegt werden muss.

Um den Kopf seiner Spieler macht sich Urs Fischer indes die wenigsten Sorgen. „Schon vor dem Spiel in Wolfsburg bin ich gefragt worden, ob die Mannschaft schon mit den Gedanken bei Real sei, und wir haben ein gutes Spiel gezeigt“, erklärte der Trainer und verwies auf eine aus seiner Sicht starke Vorstellung bei den Niedersachsen. Jetzt würde vor allem ein Sieg als Belohnung guttun. Gestraft war die Mannschaft am Mittwoch schon genug.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema