Das Geschäft läuft schlecht. Wenn nicht gerade 1. Mai ist. Nicht mehr viele kaufen einen Döner bei Mehmet Kabuk am Kreuzberger Heinrichplatz. Das liegt weniger an den Dönern, die sind gut. "Reines Hähnchenfleisch und nichts mit Chemie", sagt Kabuk. Es ist vor allem die Konkurrenz, die ihm zu schaffen macht. Überall und alles kann man essen, wenn man die Oranienstraße entlang geht, Sushi und Hot Dog und Crepes und Baguettes, da ist einer schon satt, bevor er überhaupt am Heinrichplatz angelangt ist."Ich verkaufe nicht mal 15 Kilogramm Fleisch am Tag, davon kannst du nicht leben", sagt Mehmet Kabuk. Und er erzählt dann, dass man ihn noch immer den Döner-König nennt, weil er der erste Dönerbuden-Besitzer am Heinrichplatz war, vor 27 Jahren. Da war er 18, heute ist er 45 Jahre alt. Der 1. Mai ist für ihn ein wichtiger Tag, wegen der vielen Besucher, die zum Straßenfest kommen. "Für mich rentiert sich das", sagt er. "Ich kann viel mehr als sonst verkaufen." Wahrscheinlich ist der 1. Mai sogar der umsatzstärkste Tag für ihn im Jahr. Gestern war es schon ab Mittag voll in seinem Laden. Erst kamen Mütter und Väter mit ihren Kinder. Gegen Abend, wurde die Kundschaft immer jünger und es fand sich an den Tischen kein einziger freier Platz. Da hat er einen extra Tisch aufgebaut, an dem er nur Bier verkaufte, damit die Schlangen am Dönertresen nicht zu lang wurden.Berliner kamen und auch viele Touristen, sie sprachen Englisch und Französisch, trugen Rucksäcke und irgendwann erzählten sie aufgeregt von Steinen und Flaschen, die ein paar Meter weiter am Mariannenplatz flogen. Da war es Abend, kurz vor 22 Uhr, und auf der Bühne gegenüber spielte keine Band mehr. Am Heinrichplatz fangen die Krawalle immer erst an, wenn es dunkel ist. Mehmet Kabuk kennt sich da aus.Die Fassaden am Heinrichplatz sind zwar schöner geworden im Laufe der Jahre, die Gewalt-Rituale zum 1. Mai aber haben sich nicht geändert. "Immer war hier Randale", sagt Mehmet Kabuk.An 1987 erinnert er sich noch gut, das Jahr, das als Beginn der jährlichen Mai-Krawalle gilt. Stundenlang zogen sich damals in Kreuzberg die Straßenschlachten hin. Der Bolle-Markt an der Wiener Straße wurde geplündert und angezündet. Das Gelände ist immer noch unbebaut. Demnächst soll dort eine Moschee entstehen. Er habe viel gesehen in den Jahren, erzählt Kabuk. Direkt vor seinem Laden sei mal ein Feuerwehrauto explodiert. "Die hatten da einfach einen Molotowcocktail reingeschmissen." Nebenan gab es einen Waschmaschinenladen, fünf Lieferautos, die zum Geschäft gehörten, seien abgebrannt. Und auch das Auto seines Bruders stand mal in Flammen. Seit den 90er Jahren seien "viele neue Gesichter" dazu gekommen, Leute aus dem Osten der Stadt und aus anderen Bundesländern, die dann auch bei ihm Döner kauften.In den letzten fünf Jahren sei es aber ruhiger geworden, sagt Mehmet Kabuk. "Die haben Schiss gekriegt, es gibt viel mehr Polizei und die reagiert viel schneller." Er selbst blieb in immer unverletzt. Einmal flog eine Tränengaspatrone mitten in seinen Laden. "Da war die ganze Ware dahin." Und das Glas der Leuchtreklame draußen ist gesplittert. "Von einem Stein im letzten Jahr, aber das war ein Versehen." Mehmet Kabuk sagt, die Randalierer wollten nur den großen Händlern schaden, nicht den kleinen. Er sagt, dass ihn die Krawalle nerven. Trotzdem lässt er jeden rein, der vor anrückenden Polizisten flieht. Aber das wird, wenn überhaupt, diesmal wohl erst später in der Nacht sein, wenn die anderen Kneipen am Heinrichplatz längst schon die Jalousien herunter gelassen haben. Mehmet Kabuk ist eben Geschäftsmann. Nachts, wenn das Schlimmste vorbei ist, kommen auch Polizisten. Aber nur, um bei ihm auf die Toilette zu gehen, sagt Kabuk. "Letztes Jahr habe ich von jedem Polizisten, der auf mein Klo wollte, 50 Cent verlangt."------------------------------"Von jedem Polizisten, der auf mein Klo wollte, habe ich 50 Cent verlangt." Mehmet Kabuk, Döner-Verkäufer------------------------------Foto: Döner und Getränke für alle: Bei Mehmet Kabuk versorgten sich am 1. Mai Festbesucher.
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