Kenia

1,43 Millionen Jahre alte Fußspuren: Menschen-Verwandter war wohl größer als gedacht

Vor 1,43 Millionen Jahren lief eine Gruppe menschlicher Verwandter durch den Schlamm eines Sees in Kenia. Was uralte Fußspuren über Paranthropus boisei verraten.

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Schiffe am Turkana-See im Norden Kenias.

Schiffe am Turkana-See im Norden Kenias.

© Anadolu Agency/imago

Am Ufer des Turkana-Sees im Norden Kenias haben Forscher 21 fossilisierte Fußspuren entdeckt – und mit ihnen einen seltenen Blick in das Leben eines lange ausgestorbenen Verwandten des Menschen, wie Reuters berichtet. Die Fußspuren von Paranthropus boisei sind rund 1,43 Millionen Jahre alt und stammen von acht Individuen, die offenbar gemeinsam über eine Schlammfläche liefen.

Über die Erkenntnisse berichtet ein internationales Forschungsteam im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences in einer am Montag veröffentlichten Studie. Die Spuren verraten demnach mehr über Körpergröße und soziales Verhalten der Art, als bisher bekannt war – und stellen das bisherige Bild von Paranthropus boisei infrage.

Warum diese Fußspuren so besonders sind

Paranthropus boisei kannten Forscher laut Reuters bislang fast ausschließlich von Schädeln und Zähnen. Vom Hals abwärts war über die Anatomie kaum etwas bekannt. Genau hier setzen die neuen Erkenntnisse an. Die Wissenschaftler ordneten die 21 Abdrücke der Art anhand von Fußform und Gangbild zu.

„Paranthropus boisei ist vor allem für seine extrem robusten Schädel und seine sehr großen Zähne bekannt“, sagte Studienleiter Kevin Hatala von der Chatham University und dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Über seine Anatomie vom Hals abwärts war bisher wenig bekannt.“

Größer als gedacht: Bis zu 1,80 Meter groß

Die Fußspuren deuten auf eine überraschende Körpergröße hin. Nach Angaben der Forscher war Paranthropus boisei bis zu 1,80 Meter groß und rund 75 Kilogramm schwer. Das ist deutlich mehr als frühere Schätzungen. Bislang galt die Art als kleiner als Homo erectus, der möglicherweise ein direkter Vorfahre des modernen Menschen war. Ältere Studien zeigten laut Reuters, dass Homo erectus und Paranthropus boisei die Region zeitgleich bewohnten.

Die neuen Erkenntnisse stellen bisherige Schätzungen der Körpergröße infrage. „Vielleicht erreichte Paranthropus boisei trotz einer Schädelanatomie, die auf eine ganz andere Ernährung hindeutet, ebenfalls eine menschenähnliche Körpergröße“, so Hatala.

Ein Schädelkamm diente wie bei männlichen Gorillas als Ansatzpunkt für kräftige Kaumuskeln, die Backenzähne waren dreimal so groß wie unsere. Auf dem Speiseplan standen zähe Pflanzen – womöglich Gräser, Feuchtgebietspflanzen, Nüsse und Samen.

Hinweise auf „komplexe Sozialstruktur“

Ebenfalls auffällig ist die mutmaßliche Zusammensetzung der Gruppe. Die acht Individuen waren womöglich überwiegend erwachsene Männchen – darauf deute die Größe der Spuren hin, berichtet Reuters. Das wirft ein neues Licht auf das Sozialleben der Art, denn eine solche Gruppe könnte auf eine komplexe soziale Struktur hindeuten.

„Die Tatsache, dass acht überwiegend erwachsene männliche Paranthropus boisei offenbar als Gruppe zusammen reisten, ohne Weibchen oder Kinder, deutet auf eine komplexe Sozialstruktur dieser Art hin“, sagt Ko-Autor Neil Roach von der Harvard University laut einer Mitteilung der Max-Planck-Gesellschaft. „Möglicherweise lebten sie in großen Gruppen, in denen die Männchen zwar um Partnerinnen konkurrierten, sich aber zeitweise auch gegenseitig tolerierten, um in einer gefährlichen Umgebung Sicherheit zu gewährleisten.“

Was die acht dort taten, bleibt offen. Denkbar sei die Suche nach Nahrung oder Wasser, eine Art Sicherheitspatrouille – oder schlicht ein gemeinsamer Spaziergang, sagt Ko-Autorin Kay Behrensmeyer von der Smithsonian Institution laut Reuters. Eine weitere Möglichkeit sei laut Roach, dass es sich um eine Gruppe unverpaarter Männchen handelte.

Weitere Abdrücke entdeckt

Paranthropus boisei starb laut Reuters vermutlich vor etwa 1,2 Millionen Jahren aus – möglicherweise, weil Klimaveränderungen die Nahrungsressourcen beeinflussten. Neben den Spuren der Homininen fanden die Forscher dem Bericht zufolge auch Abdrücke von Flusspferden, Antilopen, Watvögeln und anderen Tieren. Die Fundstelle wurde mithilfe von Vulkanasche im umgebenden Gestein datiert.

Die Forscher haben laut Mitteilung der Max-Planck-Gesellschaft inzwischen Hunderte von Homininen-Fußabdrücken an mehr als einem halben Dutzend Fundstellen in der Region dokumentiert. Das Team wolle dieses Jahr nach Kenia zurückkehren, um die Forschung an fossilen Fußabdrücken fortzusetzen.

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