Tierisches Rennen

150 Wildponys schwimmen 4 Minuten – dann geht es um 635.600 Dollar

Chincoteague Pony Swim 2026: 150 Wildponys durchquerten in Virginia den Assateague Channel. Die Fohlenauktion brachte 635.600 Dollar.

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Einmal im Jahr schwimmen die Ponys von Assateague hinüber nach Chincoteague – begleitet von den „Saltwater Cowboys" der örtlichen Feuerwehr. Archivbild

Einmal im Jahr schwimmen die Ponys von Assateague hinüber nach Chincoteague – begleitet von den „Saltwater Cowboys" der örtlichen Feuerwehr. Archivbild

© Imago

Es gibt Fußballspiele, in denen dauert allein der Videobeweis länger als das, was am Mittwochmorgen an der Küste Virginias passiert ist. Nach 4 Minuten und 37 Sekunden war die Sache erledigt.

Um 10.05 Uhr Ortszeit setzten die ersten Hufe auf den Schlick von Chincoteague Island, so hat es die Lokalzeitung Eastern Shore Post festgehalten. 150 Wildponys hatten den Assateague Channel durchquert, begleitet von Männern zu Pferd, die sich Saltwater Cowboys nennen und im Hauptberuf Freiwillige Feuerwehrleute sind.

Zehntausende Zuschauer standen am Ufer, in Kajaks und auf Charterbooten. Manche hatten ihr Hotelzimmer ein Jahr im Voraus gebucht.

Chincoteague Pony Swim: der 101. Durchgang

Das Ritual läuft seit 1925 nach demselben Muster. Immer am letzten Mittwoch im Juli, immer bei Stauwasser, wenn die Strömung im Kanal am schwächsten ist. Eine orangefarbene Leuchtkugel der Küstenwache gibt das Signal.

Danach ruhen die Tiere 45 Minuten und trotten die Main Street hinunter zum Rummelplatz der Feuerwehr. Dort wird am nächsten Morgen versteigert.

Und genau dort wurde es in diesem Jahr für die Insel unangenehm.

Ponyauktion 2026: der Absturz nach dem Jubiläumsjahr

2025 feierte Chincoteague den 100. Pony Swim, und die Versteigerung sprengte erstmals die Millionengrenze. 1.008.100 Dollar Gesamterlös, ein Durchschnittspreis von 10.724 Dollar, 50.000 Dollar für ein einziges Fohlen, das der Käufer mitnehmen durfte.

Ein Jahr später sind es 635.600 Dollar. 80 Ponys wechselten den Besitzer, im Schnitt für 7945 Dollar.

Der Spitzenpreis für ein Fohlen zum Mitnehmen fiel von 50.000 auf 10.500 Dollar. Das ist ein Minus von fast 80 Prozent in zwölf Monaten.

Der Jubiläumsaufschlag war offenbar genau das: ein Aufschlag aufs Jubiläum. Was 2025 nach einem neuen Preisniveau aussah, war ein einmaliger Ausschlag.

Für die Feuerwehr bleibt es ein guter Tag. 635.600 Dollar sind mehr als in jedem Jahr vor 2025.

Buyback-Fohlen: 60.000 Dollar nur für den Namen

Das Höchstgebot lag trotzdem bei 60.000 Dollar. Es galt einem Tier, das der Käufer nie besitzen wird.

Buybacks heißen diese Fohlen. Man ersteigert eines, schenkt es der Feuerwehr zurück, und das Pony lebt weiter wild auf Assateague. Was man bekommt, ist das Recht, ihm einen Namen zu geben.

Sieben solcher Fohlen brachten in diesem Jahr zusammen 237.200 Dollar ein.

Im Vorjahr legte eine Gruppe von mehr als 550 Ponyfans zusammen und bot 100.000 Dollar für ein einziges Buyback. Sie nannten die Stute „Marnie“, zusammengesetzt aus den Buchstaben der „Marine Electric“, eines Frachters, der 1983 vor Assateague sank. 31 Seeleute starben damals.

Warum die Ponys überhaupt schwimmen müssen

Der Grund für das ganze Spektakel ist unromantisch. Die US-Naturschutzbehörde Fish and Wildlife Service erlaubt auf Assateague Island höchstens 150 Tiere.

Jedes Frühjahr kommen aber Dutzende Fohlen zur Welt, in diesem Jahr waren es bis zum Auktionstag 88. Die meisten müssen weg.

Ein Tier bleibt verschont: Das erste Fohlen an Land wird King oder Queen Neptune genannt und nicht versteigert, sondern verlost. Ein Los kostet einen Dollar, der Gewinner muss abends um halb acht persönlich am Musikpavillon stehen. Es ist die einzige Verlosung der Woche mit Anwesenheitspflicht.

Wer am nächsten Morgen bieten will, braucht einen Pferdeanhänger ohne Trennwände und ohne scharfe Kanten. Er wird vor der Verladung kontrolliert.

Herkunft der Chincoteague-Ponys: Schiffbruch oder Steuertrick

Über die Herkunft der Tiere streiten Inselbewohner und Historiker seit Generationen.

Die schöne Version: Ein spanisches Segelschiff, die „La Galga“, sank 1750 vor der Küste, die Pferde retteten sich schwimmend an Land. Die nüchterne Version: Kolonisten brachten Ende des 17. Jahrhunderts Vieh auf die Barriereinseln, um sich Zäune und Steuern auf dem Festland zu sparen.

2022 bekam die romantische Fraktion Rückenwind. Ein Zahnfragment aus einer Ausgrabung im heutigen Haiti, jahrzehntelang für einen Rinderzahn gehalten, stammte von einem Pferd südeuropäischer Herkunft. Die Erbgutanalyse zeigte eine enge Verwandtschaft zur Chincoteague-Rasse.

Weltberühmt wurden die Ponys aber durch ein Kinderbuch. 1947 erschien „Misty of Chincoteague“ von Marguerite Henry, 1961 kam der Film. Seither pilgern Leserinnen und Leser aus aller Welt auf eine Insel mit knapp 3000 Einwohnern. Während der Pony-Penning-Woche läuft der Film im örtlichen Kino.

Wildpferde in Deutschland: In Dülmen läuft es fast genauso

Wer das für amerikanische Folklore hält, war noch nie Ende Mai im Münsterland.

Im Merfelder Bruch bei Dülmen lebt die letzte Wildpferdeherde des europäischen Festlands, rund 400 Tiere auf 400 Hektar, im Besitz der Familie Herzog von Croÿ. Auch dort werden jedes Jahr 70 bis 80 Fohlen geboren, auch dort muss die Herde verkleinert werden.

Der Wildpferdefang findet seit 1907 am letzten Samstag im Mai statt. Junge Männer fangen die einjährigen Hengste mit bloßen Händen in einer ausverkauften Arena, anschließend werden die Tiere verlost und versteigert. 2026 war das am 30. Mai.

Der Unterschied liegt vor allem im Preisniveau. Ein Dülmener Junghengst kostet einen niedrigen vierstelligen Betrag. Ein Chincoteague-Fohlen, das man anschließend verschenkt, kostet 60.000 Dollar.

Rückschwimmen: das Ende der Pony Penning Week

An diesem Freitag machen sich die erwachsenen Tiere der Südherde wieder auf den Weg über den Kanal, die Nordherde wird transportiert.

Der 102. Chincoteague Pony Swim steht schon fest. Letzter Mittwoch im Juli, bei Stauwasser, wie immer.

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